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Wirklichkeit und erkennender Geist
»Realität« ist alles, was dem sinnlichen und geistigen Erkennen »vor-liegt«; alles, was unabhängig vom Denken ein Sein hat. »Wirklich« in diesem Sinn ist, was »entgegen-steht«. Hier enthüllt und bestätigt sich der ursprüngliche Wortsinn von Gegenstand undob-iectum. Nicht-wirklich ist das bloß Gedachte [dessen Gedachtwerden wiederum etwas Wirkliches ist]; die Scholastik hat ihm den Namenens rationis, »Gedankending«, gegeben. Die Wirklichkeit [im Sinn vonrealis] ist der Inbegriff des vom Denken unabhängigen Seins. Wenn Thomas diese »Wirklichkeit« – nicht ihre inhaltliche Fülle, sondern ihre allem Erkennen vorausliegende Gegenständlichkeit – bezeichnen will, dann sagt er:res [nach Theodor Haecker ein »Herzwort der lateinischen Sprache«, das »der Römer der ganzen Welt gegeben« hat].
Das Verhältnis des Geistes und der objektiven Wirklichkeit zueinander hat drei Namen: gesehen vom Geiste her heißt es »Erkennen«, gesehen vom Wirklichen her heißt es »Erkanntsein«, gesehen von beiden zugleich heißt es »Wahrheit«.
»Erkennende Wesen unterscheiden sich von nicht-erkennenden dadurch, dass die nicht-erkennenden nichts haben als ihre eigene Form; das erkennende Wesen aber ist fähig, auch die Form des anderen Wesens zu haben … Darum sagt der Philosoph, die Seele sei in bestimmter Weise alles«.
Eine Formhaben heißt: etwas Bestimmtes sein. Jedes Ding ist, was es ist, durch die Form, die es hat.
Erkennen also heißt: die Formen anderer Dinge haben, das andere sein, mit dem anderen identisch sein: alles sein.»Darum sagt der Philosoph, die Seelesei alles.«Connaitre, c’est devenir un autre.
Man muss unterscheiden zwischen dem Erkennen als Werdensvorgang und dem Erkennen als vollendeter