Vorwort:
Die Sehnsucht nach Klarheit
»Zu größerer Klarheit über seine Gedanken gelangt man, indem man sie anderen klar zu machen sucht.«
Joseph Unger
Die Informationsgesellschaft hatten wir uns anders vorgestellt. So aufgeklärt wie nie zuvor würden wir sein, alles und jeden verstehen können. Endlich sollten sie vorbei sein, die Zeiten des Hoheits- und Elfenbeinturmwissens. Wenn jedem alle Informationen überall und jederzeit zur Verfügung stünden, dann würden wir einen Quantensprung vollziehen, glaubten wir: von Untertanen mit Lehrwissen zu Informationsbürgern mit Deutungshoheit. Lauter aufrechte Menschen mit Durchblick, denen niemand mehr ein X für ein U vormachen kann. Die permanent miteinander kommunizieren und sich in Echtzeit gegenseitig Klarheit verschaffen.
Und was ist aus uns geworden, seit wir die Welt in der Hosentasche mit uns herumtragen? Informationsjunkies, krumm vor Weltwissen. Blicken Sie sich mal um, morgens in der Bahn oder abends in der Talkrunde: Die meisten schauen eher verklärt drein als aufgeklärt. Lauter Fragen, lauter Meinungen, lauter Überforderte. Und unsere Kommunikation? Mehr Kanäle als Botschaften, mehr Selbstdarsteller als Aufklärer. Mehr Unklarheit als zuvor.
Auch mir schwirrt der Kopf. Wie wir alle kann ich mich vor lauter Wissen und Meinungen gar nicht mehr retten. Die Welt in der Hosentasche lässt sich zwar theoretisch ausschalten. Ich tue es bloß nicht, oder viel zu selten. Ich ziehe mir das alles rein. Selbst, was ich konsumiere, lasse ich mir noch diktieren: Jedes Mal, wenn ich auf »Aktualisieren« tippe, sortiert irgendein Algorithmus den unablässigen Informationsstrom für mich neu – damit ich nicht selbst entscheiden muss, was wichtig ist. Schließlich kann der Flügelschlag eines Schmetterlings in Japan einen Orkan in Deutschland auslösen. Kann er doch? Jedenfalls hat das mal irgendjemand behauptet. Konsequenz: Wir müssen auf der Stelle alle Schmetterlinge in Japan töten.
Sie lachen, doch das ist ungefähr der Differenzierungsgrad, mit dem manche heute ihre Schlüsse ziehen – und damit dann auch noch vor eine Kamera treten. Oder vor ein Publikum. Oder auf die Straße zum Demonstrieren. Die nennen das: Meinungsfreiheit. Ich nenne das: klarheitsfeindlich.
Brrr. Kaum habe ich auf den Button getippt, bereue ich es schon wieder: zwanzig neue Schlagzeilen über Fracking, die alle in die gleiche Richtung weisen. Schließlich noch ein Experte, von dem ich noch nie gehört habe und der das Gegenteil behauptet. Soll ich ihm glauben? Fünf verschiedene Zahlen von Ebola-Toten, eine höher als die andere. Und dann ein Politiker, der sagt: keine Gefahr für Europa. Wie hoch ist das Risiko wirklich? Der Islam bedrohe die westliche Welt, steht da auch, doch der arabische Geschäftsmann ein paar Meter weiter liest sehr friedlich seine Zeitung. Jeden Monat ein neues Rezept für Erfolg durch Work-Life-Balance, und dann ein Google-Boss, der sagt: Zwischen Erfolg und Balance muss man sich entscheiden. Kim Jong Un ist tot – und dann doch wieder quicklebendig.
Ich weiß nicht, wie es Ihn