Zweiter Teil
An diesem Abend, es war der 6. November, ging Nikolaus Savinsky schon vor Mitternacht nach Hause. Er hatte einige Stunden bei Natalie Schupow-Karamin verbracht. Eine besondere Unruhe hatte sich dort der Gesellschaft bemächtigt. Einige Male während des Abends hatte man alarmierende Neuigkeiten telephoniert: die Bolschewiki wären im Begriffe, einen Gewaltstreich zu unternehmen, ihre Truppen seien in Bereitschaft, sie hätten sich schon des Haupttelegraphenamtes bemächtigt, zur Verteidigung des Winterpalais habe man niemand, außer einem Frauen-Bataillon gefunden!
Diese Gerüchte, deren Überprüfung nicht möglich war, machten die Leute ganz irre und Savinsky hielt sich bei den Schupows nicht länger auf. Er machte sich sogar Vorwürfe überhaupt hingegangen zu sein. Aber der Grund war, daß er abends nicht mehr allein zu sein vermochte. Die Einsamkeit seiner Wohnung vertrieb ihn; Bücher vermochten ihn nicht mehr abzulenken, seine Gedanken schweiften ab, um immer wieder in den gleichen einförmig trüben Kreislauf zu verfallen. Der Zustand Rußlands war der Gegenstand seiner bitteren Betrachtungen; er überdachte ihn jetzt nicht mehr objektiv. »Was tue ich hier?« frug er sich unaufhörlich. »Wozu bleibe ich noch? Die Atmosphäre der Revolution ist wirklich unerträglich. Ich muß mich aufraffen und Rußland verlassen.« Und doch wußte er im Innersten, daß er dies nie tun würde. Was aber war es nur, das ihn in dieser sterbenden Stadt zurückhielt? Seine Geschäfte? Sie waren so gut geordnet, als es unter diesen beklagenswerten Umständen nur irgend möglich war. »Ich habe genug, um auch im Ausland leben zu können,« sagte er sich, »und da ich doch auch meinen Kopf mitnehme, kann ich nötigenfalls immer noch Geld verdienen, denn zu etwas anderem tauge ich doch nicht mehr. Das wäre klug und vernünftig! Und ich? Ich bleibe trotzdem hier. Ist es Neugier, die mich hier festhält, hier, wo ich schließlich noch mein Leben gefährde? Das hieße das Verlangen, die Dummheiten meiner Mitbürger mit eigenen Augen ansehen zu wollen, recht teuer bezahlen!« Wenn er es recht überlegte, sah er nur Gründe, die für die eheste Abreise sprachen. Aber obwohl sich diese immer mehr häuften und trotzdem er sie nicht zu widerlegen vermochte, fühlte er doch tief in sich einen geheimnisvollen, unbegreiflichen, aber unüberwindlichen Trieb, der ihn an dieses jämmerliche Leben in Petersburg kettete. Müde von seinen Kämpfen, seinem Grübeln, hatte er es schließlich aufgegeben, sich diese unlösbaren Fragen vorzulegen. Nach langem Widerstreben hatte er sich entschlossen der Rückkehr seiner Frau und Kinder zuzustimmen. Die Briefe Sonjas ließen eine so tiefe Traurigkeit erkennen, daß sie ihn bestimmten, ihr zu schreiben, sie möge zwischen dem zehnten und fünfzehnten November heimkehren. »Es ist gewiß ein Unsinn,« sagte er sich, »aber ich kann nicht anders. Bei dem kleinsten Alarmzeichen werden wir über die Grenze gehen. Vielleicht wird die