Ausdauernde Liebe
In den ersten Jahren des dreizehnten Jahrhunderts nach der Geburt unsres Herrn und Heilands ereignete sich in der Stadt Paris, und zwar durch einen Mann aus Tours, eine Liebesgeschichte, durch welche die ganze Stadt und auch der königliche Hof in das höchste Erstaunen versetzt wurden. Was die Geistlichkeit anlangt, so wird aus dem, was hier erzählt werden soll, klar, welchen Teil sie an der Geschichte hat, deren Akten und Urkunden durch diese selbe Geistlichkeit auf uns gekommen sind.
Der genannte Mann, von dem gemeinen Volk nur ›der Tourainer‹ genannt, eben weil er aus dieser lustigen Stadt gebürtig war, hieß mit seinem wahren Namen Anselm. Er kehrte auch in seinen alten Tagen in seine Geburtsstadt zurück und wurde Bürgermeister der Gemeinde von Saint-Martin, wie es in den Chroniken der Stadt und der Abtei bezeugt ist; aber zu Paris war er ein edler Goldschmied. Schon in früher Jugend wurde er durch seine Rechtschaffenheit, seinen Fleiß und seine andern Tugenden Bürger der Stadt Paris und Untertan des Königs, dessen Schutz er sich unterstellte nach der Sitte der Zeit.
Er besaß in der Nähe der Kirche von Saint-Leu, an der Straße zum heiligen Dionys ein selbstgebautes Haus frei von aller Zinsbarkeit, wo sich auch seine Werkstatt befand, die von allen Liebhabern schöner Kleinodien viel besucht wurde. Obwohl der Mann ein Tourainer war, was etwas heißen will, und Jugend und Gesundheit nur so zum Verkaufen hatte, hatte er dennoch ein Leben geführt wie ein Heiliger, allen Verführungen dieser Stadt zum Trotz, und hatte all die Tage seiner blühenden Jugend dahingehen lassen, ohne auch nur ein einziges Mal in die bekannte verbotene Frucht zu beißen. Viele werden sagen, dies zu glauben übersteige die Glaubensfähigkeit, die der Mensch von Gott erhalten hat und die es uns ermöglicht, an die heiligen Mysterien der Religion zu glauben, wie es uns befohlen ist. Darum wird es nötig sein, die verborgenen Ursachen dieses keuschen Lebens eines Goldschmieds etwas näher zu beleuchten.
Zunächst müßt ihr bedenken, daß der Mann zu Fuß nach Paris kam, ärmer als Hiob, wie seine alten Freunde zu sagen pflegten, und daß er im Gegensatz zu seinen Landsleuten, die mehr feurig als ausdauernd sind, einen wahrhaft eisernen Charakter besaß und einen Weg,