: Marquis de Sade
: Justine oder Die Leiden der Tugend
: OTB eBook publishing
: 9783956765902
: 1
: CHF 1.80
:
: Erzählende Literatur
: German
: 220
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

„Justin oder die Leiden der Tugend“ (franz. Originaltitel:«Justine ou les Malheurs de la vertu ist ein Roman des Schriftstellers Marquis de Sade, den er 1787 während seiner Inhaftierung in der Bastille verfasste. Justine und Juliette sind die Töchter eines bankrotten Kaufmanns. Nach dem Tod der nahezu mittellosen Mutter beschließt Juliette, als Prostituierte ins Bordell zu gehen, verübt eine Reihe von Verbrechen, erwirbt Reichtum und wird glücklich. Justine hingegen wählt den Weg der Tugend, erlebt hierbei eine Reihe von Abenteuern und Missgeschicken und wird fortwährend Verfolgungen und Erniedrigungen ausgesetzt, bis sie– wegen Mordes und Brandstiftung unter Anklage stehend– wieder ihre Schwester trifft, der sie ihr Lebensschicksal erzählt, bevor sie in einem Gewitter vom Blitz erschlagen wird. (Auszug aus Wikipedia)

Zweites Buch


Ein anderes Wesen als die zitternde Justine hätte sich wenig um diese Drohung gekümmert. Sobald es ihr möglich war, zu beweisen, daß, was sie erduldet,über sie von keinem Gericht verhängt worden war, was hatte sie zu fürchten? Aber ihre Schwäche, ihre natürliche Furchtsamkeit, alles dies betäubte sie, erschreckte sie. Sie dachte nur mehr an Flucht. Außer diesem beschämenden Brandmal, einigen Spuren der Rute, welche dank der Reinheit ihres Blutes bald verschwinden würden, und einiger sodomitischer Angriffe hatte unsere Heldin, als sie achtzehn Jahre alt und von Rodin fortging, nichts verloren, weder von ihrer Tugend, noch von ihrer Frische, noch von ihren Kräften. Sie trat in jenes Alter, wo die Natur eine letzte Anstrengung zu machen scheint, um die zu verschönern, welche ihre Hand für die Lust der Männer bestimmt hat. Ihre Taille hatte bessere Formen, ihre Haare waren dichter und länger, ihre Haut frischer und appetitlicher. Ihr Busen, geschont von diesen Leuten, welche für diesen Körperteil wenig Interesse hatten, war wohlgeformter und runder. Sie war ein entzückendes Wesen, wohl geeignet, bei einem Wüstling die heftigsten, außergewöhnlichsten und schamlosesten Begierden zu erregen.

So machte sich Justine, mehr aufgeregt und bekümmert als körperlich mißhandelt, auf den Weg. Aber ohne Führer und da sie niemanden fragte, kam sie immer wieder um Paris herum. Am vierten Tag ihrer Reise war sie erst nach Lieursaint gekommen. Da sie wußte, daß diese Straße sie nach dem Süden führte, beschloß sie, ihr zu folgen und so diese entlegenen Länder zu erreichen,überzeugt, daß sie nur an den Grenzen Frankreichs den Frieden und die Ruhe erlangen würde. Welcher Irrtum! Wie viel Kummer stand ihr noch bevor!

Was sie auch immer bis jetzt ausgestanden, ihre Tugend wenigstens war ihr geblieben; einzig das Opfer zweier oder dreier Wüstlinge, konnte sie sich, da es entgegen ihrem Willen geschehen, noch immer unter die anständigen Mädchen zählen; sie hatte sich nichts vorzuwerfen, ihr Herz war rein, sie war darauf stolz und dafür erreichte sie die Strafe. Sie trug ihr ganzes Vermögen bei sich, ungefähr fünfhundert Francs, ihr Verdienst bei Bressac und bei Rodin. Sie war froh, wenigstens dies noch gerettet zu haben und hoffte, mit Sparsamkeit und Einfachheit so lange auszukommen, bis sie eine Stelle gefunden hatte; das schreckliche Mal war nicht zu sehen, sie hoffte, es immer verbergen zu können und trotzdem ihr Brot zu verdienen.

Am Abend des ersten Tages, sechs oder sieben Kilometer vor Sens, ging Justine ein wenig abseits des Weges und setzte sich einen Moment an den Rand eines großen Teiches, dessen Umgebung ihr Schatten zu spenden schien. Die Nacht begann ihre Schleier zu senken, und unsere Heldin, die wußte, daß sie nur mehr eine kleine Strecke zu ihrem Nachtquartier hatte, beeilte sich nicht, die süße Einsamkeit ihres Nachdenkens zu unterbrechen, als sie plötzlich zehn Schritte von ihr einen größeren Gegenstand ins Wasser fallen hörte. Sie wendete ihre Augen und bemerkte, daß dieser Gegenstand mitten unter dichtem Gestrüpp lag, zu dessen Fuß die Wasser des Teiches fluteten; weder sie noch der Täter konnten sich sehen. Sie glaubte Schreie zu hören;überzeugt, daß sich in dem Korb ein lebendes Wesen befinde, folgte sie dem Trieb der Natur. Ohne Rücksicht auf die Gefahr, stürzt sie sich in den Teich, und es gelang ihr, ohne den Boden zu verlieren, den Gegenstand, den der Wind zu ihr hintreibt, zu erfassen. Sie kehrt ans Ufer zurück und zog die kostbare Last nach; eilig packt sie aus. Großer Gott, es war ein Kind, ein entzückendes Mädchen von achtzehn Monaten, nackt, geknebelt, welches ihr Henker wahrscheinlich hoffte zugleich mit seinem Verbrechen in den Fluten des Teiches zu begraben. Justine beeilte sich, die Bande zu zerreißen, sie ließ das kleine Mädchen atmen, und es streckte seine kleinen, furchtsamen Hände gegen seine Wohltäterin aus, wie um sich bei ihr zu bedanken. Gerührt umarmte Justine die reizende Unglückliche.»Armes Kind«, sagte sie,»bist du auf die Welt gekommen, gerade so wie die unglückliche Justine, nur um den Kummer, niemals die Freude kennen zu lernen? Vielleicht wäre der Tod das Beste für dich gewesen. Ich leiste dir vielleicht einen schlechten Dienst, indem ich dich aus dem Schoß der Vergessenheit ziehe und dich wieder ins Unglück und in die Verzweiflung zurückführe; wohlan, ich werde diesen Fehler gutmachen und dich nie verlassen, wir werden zusammen die Dornen dieses Lebens pflücken; sie werden uns zu zweit weniger spitzig vorkommen, und mit vereinten Kräften werden wir sie zu zweit leichter vermeiden. Gütiger Himmel, ich danke dir für dieses Geschenk, es ist eine heilige Gabe, für das mein Gefühl dir immer dankt; glücklich, es gerettet zu haben, werde ich für sein weiteres Leben und seine Erziehung sorgen. Ich werde für sie arbeiten, jünger als ich, wird sie mir es im Alter heimzahlen; es ist eine Freundin, welche mir Gott geschickt. Auf welche Weise kann ich dir danken?«

»Das soll meine Sorge sein, du Hure!«, schrie ein Mann, und indem er die unglückliche Justine beim Kragen faßte, warf er sie auf