: Conrad Ferdinand Meyer
: Der Heilige
: OTB eBook publishing
: 9783956763274
: 1
: CHF 1.80
:
: Erzählende Literatur
: German
: 131
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

Die Novelle des Heiligen handelt von der eigentümlichen Beziehung Thomas Becketts und Heinrich II. von England. Meyer hat sich hier, wie meistens in seinen historischen Novellen, weitgehend an die historischen Begebenheiten gehalten, abgesehen von der jedoch für den Handlungsverlauf sehr wichtigen Episode um Beckets Tochter Grace und deren Vergewaltigung durch den König, all das ist frei erfunden.

II


Der Wintertag blieb so dunkel, daß der schmale Wohnraum des Chorherrn, wo er seinen Gast bewirtete, mehr von der golden flackernden Flamme des Herdes als durch das einzige hochgelegene Bogenfensterchen erhellt wurde.

Während der Armbruster sein Mahl beendigte, hatte sich Herr Burkhard, der von feiner Körperlichkeit und mäßiger Lebensweise war, schon eine Weile in seinen mit weichen Vliesen überlegten Armstuhl versenkt und die pelzumhüllten Füße dem Feuer zugestreckt. Ein ebenfalls ergreister Schaffner räumte das Tischgeräte weg und stellte eine Kanne kräftigen Landweins mit zwei silbernen Bechern auf das Steinsims des Kamines.

Der Chorherr war offenbar in vergnügter Stimmung. Es ergötzte ihn, an diesem trüben Wintertage einen welt- und menschenkundigen, auch weitgewanderten Mann schnellen Geistes in sein Gelaß gelockt zu haben zur Befriedigung einer längst gehegten Neugierde. Das feingeformte Haupt mit seinen wenigen schneeweißen Locken lag auf dem roten Kissen der Lehne, mit geschlossenen Augen, aber dem wachen Ausdrucke des Triumphes über einen gelungenen Anschlag.

Jetzt öffnete er plötzlich einen leuchtenden Blick und sagte: »Gesegnete Mahlzeit, Hans! Wende deinen Stuhl und rücke zu mir. Du fragtest mich, wer der neue, von der Frau am Münster erhöhte, von uns Chorherren aber geschmähte Heilige sei. Über Tisch halte ich es nicht für heilsam, von kirchlichen oder gar himmlischen Dingen zu reden; aber nun bin ich da, um Auskunft zu geben. Der neue, von dem Heiligen Vater der Christenheit bescherte Fürsprecher im Himmel hat im selben Jahre mit mir das Licht der Welt erblickt. Schon das spricht gegen ihn. Es gilt von den Heiligen wie vom Weine: je älter, desto besser und wundertätiger. Wie dieser hier« – er schlürfte aus seinem Becher –, »das Blut unseres Bodens, mit unserem Blute verwandt ist und es seit undenklicher Zeit würzt und stärkt, ähnlich wirken unsere Heiligen St. Felix und Regula, über deren Leibern dieses Stift und diese Stadt erbaut sind. Geschlecht um Geschlecht haben sie als streitbare Nothelfer behütet. Wir sind ihnen und sie uns vertraut und verpflichtet. Mit ihrem Bild und Siegel machen wir, nach dem Vorgange unserer Väter, unser Tun und Lassen gültig. Ich will keine Hoffart damit treiben, daß sie nach ihrer blutigen Marter die abgeschlagenen Häupter urkundlich in den eigenen Händen von der Richtstätte am Limmatufer bis hieher getragen haben, vierzig Schritte bergan, obgleich ihnen das sicherlich keiner der abgeschwächten neuen Heiligen nachtut. Fü