: Marquis de Sade
: Die Philosophie im Boudoir
: OTB eBook publishing
: 9783956766183
: 1
: CHF 1.80
:
: Erzählende Literatur
: German
: 103
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

“Die Philosophie im Boudoir” oder Die lasterhaften Lehrmeister (französischer Originaltitel: La Philosophie dans le boudoir, ou Les Instituteurs immoraux) ist ein 1795 veröffentlichtes Werk des Schriftstellers Marquis de Sade. Der Untertitel lautet 'zur Erziehung junger Damen bestimmt'. Die als 'Erziehungslektüre' verfasste Publikation besteht aus einer Vorrede 'an die Libertins', sieben Dialogen und einem Exkurs im Anschluss an den fünften Dialog mit dem Titel 'Franzosen, noch eine Anstrengung, wenn ihr Republikaner sein wollt'. Im für de Sade typischen Wechsel von sexueller Ausschweifung und philosophischen Traktaten wird die sinnliche Lust als Motor der geistigen Auseinandersetzung mit der Welt, die Sexualität als triebhaft-symbiotische Ergänzung des Geistes vorgeführt. (Auszug aus Wikipedia)

Erster Dialog


Madame de Saint-Ange, Chevalier de Mirvel

Madame de Saint-Ange: Guten Tag, Bruder. Nun, und Dolmancé?

Chevalier: Er kommt pünktlich um Drei, und wir essen erst um Sieben; du siehst, wir haben Zeit genug zum Plaudern.

Madame de Saint-Ange: Weißt du Bruder, ich bereue etwas meine Neugier und all die obszönen Pläne für heute. Wirklich, mein Freund, du bist zu nachsichtig. Je vernünftiger ich sein müßte, desto mehr erregt sich mein verfluchter Kopf und wird liederlich: du läßt mir alles durchgehen, das macht mich noch schlimmer ... Mit meinen sechsundzwanzig Jahren müßte ich bereits fromm sein, und ich bin noch die zügelloseste aller Frauen ... Man macht sich keine Vorstellung davon, was ich mir ausdenke, mein Freund, was ich tun möchte. Ich glaubte, wenn ich mich einzig an die Frauen hielte, würde mich das zur Vernunft bringen ...; meine Begierden, auf mein Geschlecht konzentriert, würden sich nicht mehr dem euren entgegendrängen: schimärische Pläne, mein Freund; die Vergnügungen, die ich mir versagen wollte, stellten sich nur noch lebhafter meinem Geiste dar, und ich habe gemerkt, daß, wenn man wie ich für die Libertinage geboren ist, bereits der Gedanke sinnlos wird, sich Zügel anzulegen: leidenschaftliche Begierden zerreißen sie alsbald. Kurz, mein Lieber, ich bin ein amphibisches Wesen; ich liebe alles, alles amüsiert mich, ich möchte alle Arten verbinden; aber gib zu, Bruder: ist es nicht völlig verrückt von mir, den merkwürdigen Dolmancé kennen lernen zu wollen, der, wie du sagst, sein Leben lang keine Frau hat sehen können, wie der Brauch es vorschreibt, der, Sodomit aus Prinzip, nicht nur sein eigenes Geschlecht vergöttert, sondern dem unseren sogar nur nachgibt unter der besonderen Bedingung, daß man ihm die bevorzugten Reize überläßt, deren er sich bei den Männern zu bedienen gewohnt ist? Dies, Bruder, ist meine bizarre Idee: ich will der Ganymed dieses neuen Jupiter sein, ich will seine Neigungen, seine Ausschweifungen genießen, ich will das Opfer seiner Irrtümer sein: du weißt, mein Lieber, daß ich mich bisher so nur dir -- aus Freundlichkeit -- oder einem meiner Leute hingegeben habe, der dafür bezahlt war, mich so zu behandeln, und sich nur aus Eigennutz dazu herbeiließ; heute ist es weder Freundlichkeit noch Laune mehr, nur die Neigung bestimmt mich ... Ich sehe zwischen den Methoden, die mich dieser bizarren Manie unterworfen haben, und denen, die mich ihr unterwerfen werden, einen unfaßbaren Unterschied, und ich will ihn erkennen. Schildere mir deinen Dolmancé, ich beschwöre dich, damit ich ihn gut im Kopf habe ehe er erscheint; denn du weißt, daß ich ihn nur daher kenne, daß ich ihm neulich in einem Hause begegnet bin, wo ich nur ein paar Minuten mit ihm zusammen war.

Chevalier: Dolmancé, Schwester, hat gerade sein sechsunddreißigstes Lebensjahr erreicht; er ist