APRIL, IM VERGANGENEN JAHR
Alle sagten: Die Gleise, die Gleise. Man konnte sie singen hören, wenn der Zug kam. Egal, ob er aus Moskau kam und an den Pazifik fuhr; der Regionalzug, der die Strecke der transsibirischen Eisenbahn befuhr und aus Skorowodino kam oder von Wladiwostok; man konnte die Gleise singen hören, wenn der Zug kam, sagten sie. Und manche von ihnen konnten sogar ziemlich genau sagen, wie lange er noch brauchte, bis er hier war, Verspätung hin oder her. Alles Leben am Bahnhof, so schien es, klammerte sich an das silbrige Singen der Gleise. Und im Frühjahr ließ sich ein hübscher Bursche auf diesen Gesang ein.
Als Dimitrij Vengarov neunzehn Jahre alt war, kam er oft zum Bahnhof, um dort unter Leuten zu sein. In den etwa vierzig Minuten vor Ankunft des Zuges, entwickelte sich auf den Bahnsteigen und in den Unterführungen, die die Bahnsteige verbinden, ein intensives, pulsierendes Treiben; für Dimitrij war das wie Jahrmarkt. Das Leben sickerte in die verwahrlosten Bahnsteige ein, es tat sich was. Im Abend- oder Morgenlicht sah die Szenerie wildromantisch aus und Dimitrij war empfänglich für solche Stimmungen. Das Licht kaschierte und perlte über die Gemäuer des Bahnhofs in Fruchtfleischfarben und über die Berge in der Ferne. Es hatte sich ein schwungvoller Handel mit Lebensmitteln und Getränken entwickelt. Im Lauf der Jahre hatten sich fliegende Händler eingefunden, die auf rostigen Einkaufswagen aus dem alten leeren Kaufhaus (das inzwischen Obdachlosen als Schlafplatz diente) ihre Waren anboten. Zigaretten, Cola, Kekse und natürlich Wodka für die kalte Reise durch dieses kalte Land.
Dimitrij glaubte, dass dieses Land so kalt ist, weil es so groß ist. So, wie ein großer Raum schwer zu heizen ist, muss es auch hier, in seinem Land sein ... in seinem Teil des Landes. Die Vorstellung kam Dimitrij etwas naiv vor; dennoch gefiel sie ihm. Deswegen bauten sich die Menschen ja ihre warmen Häuser aus dunklem Holz. Dimitrij war auch der Meinung, dass Sibirien wie ein altes schwarzweißes Foto ist. Das ewige Land – an den Rändern schon etwas welk und abgegriffen.
Die Planwirtschaft hatte vor Jahren tatkräftig in das alte Stadtbild von Chita eingegriffen: drei Typen von Plattenbauten an den äußeren Rändern der Altstadt, große, betonierte Plätze und ein riesiger Bahnhof. Die Siedlungen mit den weiß, blau oder grün gestrichenen Holzhäusern am Chita, dem Fluss, nach dem die Stadt und auch der Verwaltungsbezirk benannt wurden, waren Überreste des alten Stadtbildes. Der Großteil der Stadt war grau, verbraucht und verblichen wie ein altes Foto. Nur der Bahnhof und die Gebäude des Stadtkerns waren gut erhaltene Relikte aus alten Tagen.
Dimitrij stand in seinen abgetragenen, ausgewaschenen Sachen da und kuschelte sich in den schäbigen blauen Anorak. Die Kapuze hatte er hochgeschlagen und sein Atem stieg in kleinen Wölkchen auf. In etwa fünf Minuten sollte der Express eintreffen. Menschen würden ein- und aussteigen, die Händler würden sich um die paar Leute, die genug Geld haben, die Köpfe einschlagen. Dimitrij kannte ein paar der Händler, so wie zum Beispiel die mollige Blonde dort mit dem überquellenden Wagen. Sie war Kindergärtnerin, aber der Staat konnte ihr nichts zahlen. Sie hatte irgendwelche Diplome, aber all das hatte ihr nichts genutzt. Am Ende kamen sie alle hier zusammen und verhökerten gestohlene, geschmuggelte oder einfach illegale Waren an die Reisenden.
Der Wind, der Feuchtigkeit und Kälte verschlimmerte, ließ plötzlich nach und der graue Himmel riss ein wenig auf, ein Spalt Licht sickerte zur Erde. Dimitrij fand, dass der Anblick wirklich sehr schön war. Vielleicht für eine Sekunde konnte er den alltäglichen Szenen am Bahnhof etwas Neues abgewinnen. Ein neues Licht, eine neue Perspektive; vielleicht Chancen auf ..., was weiß ich.
Dimitrij zuckte für niemand im speziellen mit den Schultern und wandte sich vom Licht ab. Ein paar Frauen schleppten Bottiche mit Kohlen heran. Dimitrij dachte, dass es für einen Außenstehenden so wirken müsste, als wäre hier alles ... chaotisch. Die Menschen wuselten herum und folgten ihren eigenen Gezeiten ... nun, nicht ihren eigenen Gezeiten, sondern denen der Bahn. Die blonde Frau mit dem übervollen Wagen, der schon leicht Schlagseite hatte, kam lächelnd auf ihn zu:
"Hübscher Junge. Ja du. Willst ein Stückchen Wurst, ja? Oder lieber eine Zigarette? Nein. Wurst ist gut. Du schaust hungrig aus. Wie ein Wolf. Warte, ich schneide dir was runter..." Die Frau fasste in die Untiefen ihres Mantels und holte eine geräucherte Wurst hervor. Aus der anderen Tasche angelte sie ein gewaltiges Messer und schnitt ein gar nicht so mickriges Stückchen herunter. Er lächelte dankbar, pusselte die Haut vom Wurstrand und biss ab. Die Frau schaute ihm eine Weile beim Kauen zu und lächelte. Dann strich sie ihm über die Kapuze und wandte sich wieder ihrem Wagen zu. Sie stemmte sichgegen das Gewicht an und schob das ratternde Ungetüm den Bahnsteig entlang. Weiter rechts sah Dimitrij zwei ältere Männer, die gemeinsam in eine Zeitung schauten und aufgeregt miteinander redeten. Er ging ein paar Schritte zu ihnen, um zuzuhören:"… Schlagzeilen lügen", sagte der eine Mann grimmig und spuckte Tabakkrümel auf den Boden,"Sie lügen immer, und je größer sie sind, desto verlogener sind sie, so wahr ich hier stehe. Siehst du da was von Katastrophenschutz oder so? Nein? Na also. Kein Katastrophenschutz, kein Meteor,soist das, Oleg,soist das." Oleg, ein kleinerer Mann, dessen schütteren Haare im sachten Wind wie Spinnweben wehten, antwortete:"Aber es steht doch da: Der Meteor kommt. Wahrscheinlich Changun. Und das ist grad mal ums Eck hier … Die müssen das doch auch woher haben, irgendwie…"
"Blödsinn", gab der andere zurück,"Blödsinn! Keine Panzer, keine Brigaden, kein Notfall und kein gottverdammter Meteor…" Dimitrij sah nach links zum Abgang und lächelte wegen dem Streit der alten Männer: Ein Meteor, so ein Unsinn …
Eine Gruppe heruntergekommener Jungs kam aus dem betonierten Treppenschacht hoch und machte heiseren Lärm. Dimitrij kannte diese Jungs vom Sehen. Sie trieben sich hier dauernd herum, meistens unten bei den Toiletten. Dimitrij konnte nicht verstehen, wieso. Da unten stank es nämlich erbärmlich. Es war zwar etwas geschützter vor Wind und Kälte, aber trotzdem ... der Gestank war widerlich.
Dimitrij war davon überzeugt, dass ihn die Jungs nicht mochten. Und er wusste nur nicht, wieso. Nur, dass es so war. Sie sahen ihn zornig an, wenn sie an ihm vorbeigingen oder spuckten vor ihm auf den Boden. Dimitrij glaubte zu verstehen, warum, aber er war sich nicht sicher. Einer der augenscheinlichsten Unterschiede war der, dass Dimitrij viel hübscher war als sie. Er hatte gesunde, weiße Zähne und pechschwarze, kurze Haare und blaue Augen. Seine Haut war glatt wie die eines Mädchens und seine Wimpern waren lang. E