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Mein Vater konnte über seine Vergangenheit nicht reden, der zweite Knoten heißt daher Bücherregal. Er ist kein schmerzlicher, sondern ein wunderbarer, üppiger Knoten, und während ich ihn langsam und bedächtig löse, klopft mir das Herz bis zum Hals. Die Bibliotheken der Reichen und Gebildeten gehorchen den Gesetzen des Geschmacks. Die Bibliotheken der Armen sind nur mit Lebensnotwendigem gefüllt. So war es auch bei uns. Mein Vater hat die Schule nicht abschließen können. Er kam mit fünfzehn ins KZ. Was er sich nach dem Krieg an Büchern zusammengekauft hat, während er sich eine materielle Existenz aufbaute, war ihm Schule, Vater, Rat, Erziehung und Trost zugleich. Die Bibliothek meines Vaters, ja, man muss von Bibliothek reden, denn die Bücher nahmen in meiner frühen Kindheit eine Wand ein und später, als wir umzogen, wurde ihnen, zum Entsetzen unserer jugoslawischen Putzfrau, ein ganzes Zimmer überlassen, war nicht adrett und distinguiert, sondern ein unverschämter, in seiner Stillosigkeit geradezu stilvoller Haufen Wunderlichkeiten. Mein Vater hatte einen ganz persönlichen Sinn für das Passende. Vielleicht hat er sich auch nie darum geschert, was passte und was nicht, sondern immer nur gierig gelesen, was ihm unter die Finger kam und was er gerade benötigte. So stand neben dem »Lexikon des Kaufmanns« Kafkas »Schloss« und neben »Wir schneidern und nähen« von Emmi Schrupp und Christel Tusch Dostojewskis »Spieler«.
Ich habe mich immer gefragt, was Mademoiselle Blanches Mutter, diejenige, die sich von allen »Madame la Comtesse« nennen ließ, wohl gedacht hätte, wenn sie gewusst hätte, dass sie sich das Regal mit Fräulein Schrupp-Tusch teilte? Hätte sie verächtlich mit den Schultern gezuckt, sie, die selbst den genialen Alexej Iwanowitsch einen unbedeutenden Wicht von Hauslehrer nannte? Oder hätte sie keine Erregung gezeigt, weil es höchst aristokratisch ist, Gesindel nicht zu bemerken? Oder hätte sie, weil das umgekehrte Verhalten, nämlich Gesindel zu bemerken, manchmal nicht weniger aristokratisch ist, Emmi Schrupp und Christel Tusch gemustert, dies aber so getan, als nähme sie sie als eigentümliche Zerstreuung, gleichsam als Darbietung zum Gentlemansvergnügen? Sicherlich hätte Alexej Iwanowitsch, dem immer daran gelegen war, die beiden aufzuziehen, gesagt: »Es ist noch gar nicht heraus, was hässlicher ist: das russische wüste Wesen oder die deutsche Fähigkeit, mit ehrlicher Arbeit Geld anzuhäufen.«
Und sicherlich hätte der General ausgerufen: »Was für ein wüster Gedanke!«
Wild ging es bei uns zu. Wenn auch nur thematisch. Geputzt und aufgeräumt wurde täglich. Aus Ordnungsliebe wurden die Bücher nach Größe und Farbe hübsch arrangiert. Sehr zur Verzweiflung meines Vaters, der für solche Bagatellen wie geometrische oder farbliche Harmonien nicht zu erwärmen war. Oft hörte ich ihn meckern. Half aber nichts. Die Putzfrau tat verbissen und herzlos ihre Pflicht. So hat er sich wohl notgedrungen mit der Idee versöhnen müssen, dass er auch in Bezug auf die Bücher nicht immer fand, was er suchte. (Oder aber er fand, was er nicht suchte, und gab sich zufrieden.) Wie dem auch es sei, das steht fest: Die Bibliothek meines Vaters war eine Kreuzfahrt durch den guten und den schlechten Geschmack. Kein müßiges Umherschlendern, sondern Tumult. Und gerade weil plumper Schund sie umgaben, leuchteten die Schätze der abendländischen Kultur umso prächtiger. Nirgends wieder habe ich Bücher so funkeln sehen wie in seiner Bibliothek. Mein Vater ha