Matzbach fährt nach Schweden
Historischer Krimi aus dem Jahre 1980
Es geschah kurz nach der Zahnbürstensache2. Anders als seine Bekannten glaubten, war dies keineswegs Baltasar Matzbachs erster, wiewohl bisher größter Fall gewesen. Einige Wochen nach dessen Abschluß wärmte den Dicken die Sonne des Erfolges nicht mehr sonderlich; er mußte daher mit dem Gestirn des feinen Herbstnachmittags vorlieb nehmen. In diesem späten September 1980 plagten ihn viele Dinge; neben der allfälligen Langeweile wegen Ausbleibens der Sensationen war eine im weitesten Sinne libidinöse Frage zu klären. Ob nämlich die nette Dame, die er im Verlauf deraventiure kennengelernt hatte, wirklich nett genug sei, ihrethalben eine Weile der Monogamie zu frönen. Da jedoch auch auf diesem Gebiet harte Arbeit die beste Anästhesie ist, saß Baltasar Matzbach in seinem Appartement und hämmerte auf der Schreibmaschine. Der Schweiß sammelte sich in seinen Geheimratsecken, floß um die Augen und bildete Bächlein, die dem wuchtigen Kinn zustrebten.
Eigentlich hatte Matzbach einen Schönheitsschlaf tun wollen und den Wecker gestellt, daß die Schönheit nicht überhandnehme. Da er aber nicht schlafen konnte, hörte er Bach und dachte nach. Hierbei fiel ihm die Antwort auf einen problematischen Brief ein. Wenn Matzbach, der Universaldilettant, nicht gerade als Hobbydetektiv marodierte, betätigte er sich als Seelentröster. Um gesundes Geld gestaltete er die Wochenkolumne ›Fragen Sie Frau Griseldis‹, die allen Lesern einer großen Illustrierten ein Begriff ist. Diesmal war ein heikles Problem dabei; es erinnerte ihn unangenehm an sich selbst und betraf libidinöse Großväter. Frei nach Sherlock Holmes war es ein Problem für fünf Zigarren und zwei Liter Kaffee. Deshalb hatte Baltasar den großen Emaillekessel auf eine zaudernde Herdplatte gestellt. Heftige Inspiration trieb ihn alsdann an die Schreibmaschine, wo er die Welt vergaß.
Auf dem Plattenteller rotierte das Zweite Brandenburgische Konzert; der Wasserkessel pfiff; der Elektrowecker knarzte; Matzbach hackte grunzend und knurrend auf den Tasten seiner alten mechanischen Adler herum. Durch dieses Getöse sickerte, penetrant und immer hektischer werdend, das Dingdong seiner Türklingel. Nach und nach drängelte sich der Krach in sein Bewußtsein.
Er blickte auf »Oho! Was? Wer da? Hier ich.« Er stellte das Tippen ein und schaute sich um.
»Sssooooo, das Wasser kocht. Sofern es noch nicht verkocht ist.«
Er stand vom Schreibtisch auf und kurvte um die Stapel von Büchern, Papieren und Klamotten zu seinem Herd. Nachdem er die Platte abgestellt hatte, hob er vorsichtig den Kessel an und setzte ihn auf einen kühleren Fleck. Mit einem Ächzen lustvoll-schmerzlicher Erleichterung verstummte die Pfeife.
»Und wozu hab ich den Wecker gestellt? Schlief ich, wach ich, werd ich von Sinnen sein?« Er schaltete den Elektrowecker aus und starrte sinnend auf den Plattenspieler.
»Was ist denn das nun für ein Dingdong? Brandenburgisches Dingdong? Steht Bach vor der Tür, mit allen Feinden Brandenburgs im Staub?«
Machtvoll stapfte er in die Halbdiele seines Appartements und betätigte den Türöffner; das Dingdong endete.
Im Treppenhaus näherten sich Schritte wie von zornigen Damenstiefeln. Die teure Dame in diesen mochte dreißig Jahre alt sein; sie trug Schottenrock, weiße Bluse, Perlencollier und erlesene Schminke. Im Türrahmen warf sie das aschblonde Haar wütend zurück. Sie hatte die Unterlippe vorgeschoben, eine Augenbraue hochgezogen und hielt sich den Daumen, der vom Klingeln schmerzte.
»Du feister Unhold. Sitzt du auf deinen Ohren?«
»Dazu sind sie zu schmal. Kommen Sie rein, Mrs. McDonald. Ich wollte sowieso gerade aufmachen.«
Ines Finkel drängelte sich an ihm vorbei ins Chaos des großen Wohn- und Arbeitsraums. Dann blieb sie stehen und sah ihn an. »Wieso McDonald?«
Matzbach schubste sie mit dem Bauch weiter in den Raum und schloß die Tür zur Diele. »Dein Rock beziehungsweise das spezifische Tartanmuster desselben weist dich als Angehörige des ruhmreichen Clans der McDonalds aus. Willst du mich für die Highlander rekrutieren? Ich habe Plattfüße.«
Sie blickte ihn erbost an. »Mit dem Fernglas bin ich aufs Stadthaus geklettert, um zu sehen, ob du in deinem Arbeitszimmer bist. Wieso gehst du nicht ans Telefon?«
Matzbach zuckte mit den Schultern. »Meine wenigen Freunde sind mir gram; von denen ruft keiner an. Es kann also nur was Unerfreuliches sein. Da heb ich lieber gar nicht ab.«
Sie seufzte, blickte sich um. »Kann man sich hier irgendwo setzen? Wie das aussieht! Die Socken im Bücherregal. Und schmutziges Geschirr auf dem Sofa. Nein!«
Matzbach befreite einen Stuhl von Büchern, indem er ihn einfach kippte. »Doch. Ganz entschieden sogar. Bist du gekommen, um hier aufzuräumen?« Er stellte den Stuhl neben seinen kleinen Couchtisch.
»Mein Daumen tut weh, vom langen Klingeln. Was hast du denn gemacht? Warum hast du nicht eher geöffnet?«
Matzbach nahm das schmutzige Geschirr vom Sofa und stellte es auf den Schreibtisch. »Zuerst wollte ich ein Schönheitsschläfchen halten.«
Ines runzelte die Stirn. »Pah. Du? Und du meinst, das nützt noch?«
»Das kommt drauf an, wem es nützen soll. Die Schönheit ist bekanntlich im Auge des Betrachters. Wenn ich denn nun also geschlafen hätte, liebe Ines, kämst du mir schöner vor, als du bist. Im Moment hingegen, da ich nicht geschlafen habe, erscheinst du mir weit weniger schön, als du glaubst.«
Ines Finkel ließ sich auf den freien Stuhl sinken. »Oiojoj«, machte sie.
»Wie wahr. Um zu meines Redens abgeschnittenem Faden zurückzukehren: Ein Schönheitsschläfchen wollt ich halten, deshalb hab ich mir den Wecker gestellt. Dann jedoch überfiel mich die Inspiration, was einige Problembriefe angeht, also habe ich mich an die Schreibmaschine gesetzt.«
»Was für Problembriefe?«
»Na, mein Kummerkasten.«
»Dein was?«
»Kummerkasten. Ah. Weißt du etwa nicht, daß ich die berühmte Frau Griseldis bin?«
»Von ›Fragen Sie Frau Griseldis‹?« Ines schüttelte langsam und erstaunt den Kopf »Das gibt’s doch nicht.«
»Doch, doch. Bei meinem feinen Herzenstakt – wer sollte fünf Millionen Leser besser beraten als ich?«
Ines legte den Kopf in den Nacken. »Du liebe Güte. Nicht nur Hobbydetektiv, auch noch Seelentröster.« Sie kicherte. »Andererseits ...«
»Nämlich?«
Sie winkte ab. »Ah, später. Ich muß mich erst mal damit vertraut machen. Baltasar Matzbach ist Frau Griseldis. Nicht zu fassen.«
Matzbach ließ sich auf das Sofa plumpsen. »Dann mach dich damit vertraut. Wie gesagt – ein Schläfchen wollt ich halten, hab den Wecker gestellt, dann kam mir die Schreibmaschine in den Sinn. Nach einigem Arbeiten dürstete mich, kaffeemäßig. Also hab ich den Wasserkessel aufgesetzt – so einen feinen, den da, mit Pfeife. Pfifferl.« Er stand auf. »Und um nicht so allein zu sein, habe ich Bach hinzugezogen. Dann fing der Wecker an zu schrillen, und du hast gebimmelt. So einfach.« Er ging zum Herd und setzte den Kessel wieder auf die nicht ganz ausgeglühte Platte.
»Wahnsinnig einfach. O Mann. Ich frag mich, ob ich hier richtig bin.«
Innerhalb von Sekunden kochte das Wasser wieder. Matzbach entfernte die Sirene und goß das heiße Wasser in den auf einer Thermoskanne bereiten, gefällten Filter. »Du hast mir immer noch nicht gesagt, was mir eigentlich das Mißvergnügen verschafft.«
Ines verrenkte sich den Hals, um ihm bei seinen Bewegungen folgen zu können. »Ich, eh, hin. Also, Frau Griseldis, ich hab da ein Problem.« Sie lächelte ein wenig zaghaft.
»Das, Frau Finkel, dachte ich mir schon. Aus reiner Lust, mich schauen zu dürfen, bist du bestimmt nicht mit dem Fernrohr aufs Bonner Stadthaus geklettert. Übrigens eine reizende Vorstellung. Also – wo klemmt der Kothurn?«
»Bitte?«
Matzbach nickte. »Ach so ich vergaß, du bist ja Modistin. Dein entzückender Stiefel aus Antilopenleder; wo etwa drückt er?«
Ines blickte von ihm weg hinüber zur Couch. »Es geht um meinen Mann.«
Matzbach hob die linke Augenbraue. »Alfred der Schmierfinkel? Ich habe dich, ihn und eure Verbindung von Anfang an herzlich mißbilligt.«
Ines zischte irgend etwas. Dann sagte sie: »Kannst du diese furchtbare Musik mal abstellen?«
Baltasar schnaufte leise. »Nur Menschen mit räudiger Seele finden Bach furchtbar. Aber bitte...