Kapitel 2
Informationen für die Bevölkerung / Verhalten bei einem Dämonenüberfall: Versuchen Sie, locker zu bleiben. Gegenwehr ist sinnlos. Wenn es Ihnen noch möglich ist, greifen Sie nach einem Becher und einem Messer. Da nichts über die Welt jenseits des Tornados bekannt ist, kann beides Ihr Überleben bedeuten.
Die Magiewelle traf sie am Herd. Sie fuhr gerade mit dem Spatel unter die Bratkartoffeln, als sich die Küchenzeile zum Tunnel dehnte. Ein Strudel erfasste sie und wirbelte sie klingelnd und scheppernd wie ein verrostetes Kinderkarussell im Kreis. Es fing an, grauenhaft nach Jauche zu stinken, Verwesung, verbranntem Fleisch, wonach genau, wollte sie sich lieber nicht vorstellen. Gehässig lachende Schemen umflogen sie, doch bevor sie noch schreien, betteln, was immer tun konnte, ließ die rasende Fahrt schon wieder nach. Etwas griff mit bösartigem Knirschen nach ihr, und die Welt kam zum Stillstand, als hätte jemand dem irrwitzigen Heulen und Toben mit aller Gewalt den Hebel umgelegt.
Die bunten Schlieren vor Lisas Augen zerflossen.
Sie fand sich auf weichem Waldboden wieder, unter rauschenden Bäumen, und jetzt roch es nur noch nach Moder – und nach Speck, Zwiebeln und Majoran. Ihr Blick fiel auf die Pfanne, die sie fest mit der linken Hand umklammert hielt. Die Bratkartoffeln brutzelten immer noch. Nur dass sie damit jetzt in einer mondhellen Wildnis stand.
Der Schock war so stark, das keine Panik aufkam. Sehr langsam sickerte ihr ins Bewusstsein, was passiert war. Natürlich wusste sie, dass es keinen Schutz gegen einen Dämonenüberfall gab. Die schwarzen Tornadorüssel saugten wahllos Alte und Junge ein, Männer wie Frauen, einzig Kinder und Jugendliche blieben meist verschont. Aber aus irgendeinem verqueren Grund hatte sie geglaubt, durch ihre Arbeit für die Gilde dagegen gefeit zu sein.
Nein, Schatz!
Sie zuckte unter dem Kichern in ihrem Kopf zusammen. Lisa warf den Baumstämmen, die vor ihr knarrend gegeneinanderrieben, einen finsteren Blick zu. Der Wald sah zumindest auf den ersten Blick nicht wie die Hölle aus, aber ihr war trotzdem speiübel. Am liebsten hätte sie die Bratkartoffeln in die Rauschbeerensträucher zu ihren Füßen gekippt. Sie tat es dann doch nicht, vor allem, weil die Dämonen in ihrem Kopf jetzt erst richtig loslachten.
Du weißt, was nun geschieht?
Sie nickte unwillkürlich. Die Nachbarschaftsüberwachung funktionierte mittlerweile perfekt. In jedem Mietblock gab es Hausmeister, die genau Buch führten, wer morgens seine Wohnung verließ und wann er abends wieder zurückkehrte (und mit wem). Natürlich gab es immer noch Leute, die sich über diese Verletzung ihrer Privatsphäre aufregten, doch die Journale der Hausmeister stellten sicher, dass ein Räumungsteam nachsah, wenn sich ein Mieter drei Tage lang nicht mehr im Flur hatte blicken lassen – wenn es brannte, natürlich noch viel früher. In ihrem speziellen Fall würde Mike ihre Wohnung wahrscheinlich schon morgen früh aufbrechen. Lisa kamen die Tränen.
Jetzt war sie auch eine Ziffer in der Statistik, aber wenigstens hinterließ sie nichts und niemanden, der sich wegen ihres Verschwindens grämen würde. Ihr Vater hatte sich noch vor ihrem sechsten Geburtstag aus dem Staub gemacht, lange vor dem Dämonensturm, und ihre Mutter war jetzt auch schon über ein Jahr tot. Um Mike tat es ihr ein bisschen leid, er war doch ein ganz netter Kerl gewesen. Aber er und seine Ochsen würden sich schnell an eine neue Sucherin gewöhnen. Dafür durfte sich Kjell gern schwarzärgern, weil er sie nun doch nicht mehr in sein Bett bekam. Umgekehrt brauchte sie jetzt aber auch nicht mehr über ihn nachzudenken, denn dieses Kapitel ihres Lebens war passé.