Die Vorgeschichte
Erster Akt: Kiez-Yoga
»Yoganisiert« wurde ich von meinem Freund Theis auf St. Pauli. Das war 2007. Er war zu jener Zeit noch Referendar als Lehrer für Englisch und Sport und wohnte in einer völlig heruntergekommenen Butze mehr oder weniger direkt auf dem Kiez. Ein Zimmer, ohne Küche und der Versuch eines Bads, Schimmel inbegriffen.
Doch die Lage bedeutete ihm alles, und so ertrug er mit buddhistisch anmutender Gelassenheit jahrelang seine schreienden Nachbarn über sich, das schreiende Partyvolk auf der Straße unter sich und final auch den schreienden Feuerwehrmann neben sich, der ihn eines Morgens, just nachdem er die Tür mit einer Feuerwehraxt eingeschlagen hatte, unsanft aus dem Bett beförderte. Feuer im Haus. Danach war sogar Theis’ Gelassenheit demoliert, und er zog aus.
Zuvor lud er mich jedoch zu sich ein, um mir auf Teppichresten vor einem gesprungenen Spiegel vom Sperrmüll meine erste Yogalektion zu erteilen, um die ich ihn gebeten hatte.
Denn wann und wo auch immer – Theis machte und schwärmte im Dauerloop von Yoga. Und als sein ältester Buddy wäre es geradezu einem Affront gleichgekommen, hätte ich seinem so leidenschaftlich gepriesenen und betriebenen »Hobby« nicht wenigstens eine kleine Bühne der Aufmerksamkeit geboten. Es war ein Freundschaftsdienst, der von Herzen kam, motiviert durch persönliche Neugier und eine Prise Pflichtgefühl.
Und so verdingte ich mich vorsätzlich als sein ahnungsloser Schüler. Für ein einziges Mal im Winter.
Theis war gut drauf und bestens vorbereitet. Er hatte für uns zwei Süßen einen recht beeindruckend abwechslungsreichen Übungsablauf unter Zuhilfenahme des Top-BestsellersYoga für Menschen von heute des Belgiers André van Lysebet zusammengestellt. Der Mann war einer DER Yogapioniere im Westen, der eine ganze Generation an Yogalehrern nachhaltig prägte – nun also auch mich?
Mein guter alter Schulfreund turnte fleißig vor, und während ich es ihm nachtat, erklärte er in griffigem Sportlehrervokabular die konkrete Haltung sowie ihre wunderbare Wirkung und wies die korrekte Atmung an. So gut es ging versuchte ich mich auf seine unzähligen Anweisungen einzulassen und zu konzentrieren. Amateurhaft vollführte ich das unterschiedliche »Hineingehen«, das »Genießen in der Dehnung«, die »tiefe Atmung bis in die Wirbelsäule hinauf«, empfand jedoch weder das eine noch gelang das andere, und allmählich zweifelte ich daran, ob ich überhaupt verstanden hatte, was Theis da eigentlich gerade von mir wollte.
Sein Kiez-Sportprogramm wirkte auf mich wirklich gut gemeint, im Detail aber vielleicht ein bisschen zu gut. Zu komplex, zu viel.
Mit jeder Krümmung, Biegung und Streckung meines Körpers, der lediglich von einer wirklich schlecht sitzenden