Zwei
Als sich die Flut am folgenden Morgen über Bhalla Strand zurückzog, stießen Seevögel auf den wellig aufgeworfenen Sand hernieder, in dem die Sonne die seichten Tümpel in Silber tauchte.
Hetty war früh aufgestanden und folgte nun dem sich zurückziehenden Wasser. Sie blieb kurz stehen, um einen Blick über die menschenleere Weite zu werfen, bevor sie weiterging. Anfangs hatte sie noch den Reifenspuren folgen können, aber hier hatte die Flut sie bereits fortgespült. Doch Bhalla House war ohnehin deutlich zu sehen. Wahrscheinlich konnte sie nun bei Ebbe gefahrlos direkt zu dem Haus hinübergehen.
Als sie sich der Insel näherte, stieß sie wieder auf Reifenspuren, aus denen hinter dem Strand ein Weg wurde, dem sie auf dem Grasstreifen zwischen den tiefen Furchen der Räder folgte. Die Luft war nach dem Sturm der letzten Nacht frisch, Vogelgezwitscher war zu hören. Sie horchte. Feldlerchen! Wann hatte sie das letzte Mal Feldlerchen gehört? Jetzt lag das Haus vor ihr. Der Pfad hatte sie zu zwei verfallenen Torpfosten geführt, zwischen denen sie stehen blieb, um das Gebäude zu betrachten. Es war riesig! Bedeutend massiger, als sie es sich vorgestellt hatte, irgendetwas zwischen einem zu groß geratenen ländlichen Pfarrhaus und einem kleinen feudalen Anwesen.
Weiter unten entdeckte sie ein altes Farmhaus, ein weitläufiges zweistöckiges Steingebäude, das eher ihren Erwartungen entsprach. Bhalla House blickte auf sie herab. Es war umgeben von einer niedrigen Mauer, die einen Vorgarten begrenzte; die oberen Steine bildeten ein Zinnenmuster. Aus der Mauer herausgebrochene Steine lagen im hohen Gras verstreut, ein uraltes Seitentor rostete zwischen Nesseln vor sich hin. Der Wind trug den süßen Duft aufgeblühter wilder Rosen heran, die über einem kaputten Spalier wucherten.
Hetty folgte dem Pfad weiter. Die mit Brettern vernagelten Fenster ließen das Gebäude abweisend erscheinen, als stellte es ihr Recht, sich dort aufzuhalten, infrage. Unwillkürlich reckte sie das Kinn vor und ging entschlossenen Schrittes zur Eingangstür, die durch ein stabiles, frisch geöltes Vorhängeschloss gesichert war. Bestimmt hatte Mr Forbes es angebracht. Doch das Schloss hatte Eindringlinge nicht davon abgehalten, die Bretter von einem der Fenster im Erdgeschoss wegzureißen. Zerbrochene Schornsteinköpfe und Dachziegel im Klee sprachen ihre eigene Sprache. Und als Hetty das Schild sah, beschleunigte sich ihr Puls.Privateigentum. Ihr Eigentum.
Plötzlich verspürte sie den Drang hineinzugehen und selbst nachzusehen, in welchem Zustand es war, und zwar gleich, bevor ihre Erregung sich angesichts der gewaltigen Aufgabe, die vor ihr lag, in nackte Angst verwandelte. Ihr Blick fiel auf eine rote Fischkiste in einem Distelgestrüpp und wanderte dann noch einmal zu dem Fenster, von dem die Bretter weggerissen worden waren. Warum nicht? Sie schaute nach links und rechts, ein Städterinstinkt, aber es war niemand da, der sie aufhalten würde. Also stellte sie, bevor sie es sich anders überlegen konnte, die Kiste unter das Fenster, kletterte hinein und landete knirschend auf zerbrochenem Glas und gesplittertem Holz. Wie albern, dachte sie, als sie den Schmutz von ihren Händen wi