Schlankheits- und Schönheitswahn
»Es ist immer da, egal wie viel du leistest,
egal wie gut du in etwas bist,
immer bleibt da diese Befürchtung,
dass letztendlich doch nur zählt,
wie hübsch oder wie schlank du bist …«
Camilla (26)
Meine Tochter Jessie kam 2002 zur Welt. Damals arbeitete ich sowohl wissenschaftlich als auch therapeutisch intensiv zum Thema Körperbild, und mir wurde zunehmend bewusst (noch mehr als bereits im Studium), auf welch gefährliche Weise der Wunsch nach körperlicher Perfektion sich in die Psyche junger Frauen schleicht. Daraufhin schrieb ich mein erstes Buch,Spieglein, Spieglein, und dachte beim Schreiben oft an Jessie. Wenn ich mein perfektes kleines Mädchen betrachtete, war mir der Gedanke unerträglich, sie könne eines Tages in den Spiegel blicken und ihr Spiegelbild hassen – so wie es mir die Frauen und Mädchen in meiner Praxis tagtäglich erzählten. Wenn ich heute auf jenes Buch zurückblicke, hat sich gar nicht so viel verändert. Das Körperbild besteht immer noch aus den Gedanken, der Wahrnehmung und den Gefühlen eines Menschen zum eigenen Körper, die Beschäftigung mit dem eigenen Körper führt nach wie vor zu allgemeiner Unzufriedenheit mit dem Leben, und die Werte der gegenwärtigen Gesellschaft betonen weiterhin, wie Frauen ihren Körper wahrnehmen und wertschätzen.
Einiges hat sich seither aber auch weiterentwickelt. Technische Fortschritte und die Verzahnung zwischen Medien und Gesellschaft führen dazu, dass wir nicht nur überall mehr Bilder von Perfektion sehen, sondern auch von uns selbst mehr Bilder machen als je zuvor. So gehen wir unbewusst zunehmend idealisierten Vorstellungen von Schönheit und Perfektion auf den Leim, während wir uns gleichzeitig bewusst bemühen, diese zu replizieren – zumeist erfolglos. Also fühlen wir uns am Ende immer unzulänglich.
Wichtig daran ist die Erkenntnis, dass das Körperbild weit über die Wahrnehmung unserer körperlichen Merkmale hinausgeht. Es ist das innere Bild, das wir von uns haben, das Bild, das wir verwenden, wenn wir darüber nachdenken, wer wir sind. Und damit ist es in der Lage, unsere Selbstachtung zu beeinflussen, unsere Entscheidungsfindung und sogar unsere Überzeugung, wer wir sind, wie wir in diese Welt passen und was wir von der Welt erwarten sollten.
Unser Körperkult, die Akzeptanz von chirurgischen Eingriffen allein zu Zwecken der »Perfektion« und die Vorstellung, dass schlanke Menschen bessere Menschen sind, haben uns in von sich selbst besessene Äußerlichkeiten-Junkies verwandelt. Wir planen, überdenken, erschaffen und optimieren unser Erscheinungsbild mit größter Hingabe und Ernsthaftigkeit. Doch je intensiver wir uns mit unserem Äußeren beschäftigen, desto leichter machen wir uns selbst zum Objekt. Wir sehen im Spiegel nicht mehr uns selbst, sondern prüfen unablässig, wie wir wohl auf andere wirken. Der amerikanische PsychologenverbandAPA