: Mary Louise Kelly
: Vor ihren Augen Thriller
: Goldmann Verlag
: 9783641177775
: 1
: CHF 4.50
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 416
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Das Leben meint es gut mit Caroline Cashion. Die 34-jährige Dozentin für französische Literatur ist hübsch, intelligent und beliebt. Doch dann wird bei einer Routineuntersuchung in ihrem Nacken eine Kugel entdeckt. Caroline ist fassungslos. Als sie ihre Eltern darauf anspricht, eröffnen diese ihr die ungeheuerliche Wahrheit: Caroline ist adoptiert. Ihre leiblichen Eltern wurden ermordet, Caroline selbst überlebte die Tat schwer verletzt. Den Mörder hat man nie gefasst – und die Kugel nie aus Carolines Körper entfernt. Nun ist sie das wichtigste Indiz, um den Täter zu überführen. Womit Caroline in tödlicher Gefahr schwebt ...

Mary Louise Kelly wurde in Georgia geboren und hat in Harvard und Cambridge studiert. Als Reporterin für das Hörfunknetzwerk NPR und für die BBC hat sie die ganze Welt bereist. Zusammen mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern lebt sie abwechselnd in Washington, D.C. und Florenz.

Zwei

Mittwoch, 9. Oktober 2013

Das Wartezimmer der Washington Radiology war ein merkwürdiger Ort. Dort fanden sich der obligatorische Zeitschriftenständer voll zerfledderter Magazine, die übliche Box mit Papiertaschentüchern, daneben ein Spender mit Desinfektionsmittel. Wegen der vielen Röntgenapparate war das Wartezimmer durch eine massive Stahltür von den Behandlungsräumen abgetrennt. Ein riesiges Schild warnte die Patienten:ACHTUNG!KEINZUTRITT –STARKESMAGNETFELD –GESUNDHEITSGEFAHR! Damit die Botschaft auch wirklich ankam, wurde der Warnhinweis durch das Piktogramm eines riesigen Magneten ergänzt, von dem zuckende Blitze ausgingen. Während ich dort saß, beschlich mich das Gefühl, auf einen Termin im Kernkraftwerk zu warten.

Ich blätterte in einer Broschüre. Die Praxis bot Mammografien, Ultraschalluntersuchungen, Biopsien und so etwas Ominöses wie »Nuklearmedizin« an. Zudem wurden Kernspintomografien durchgeführt. Deswegen war ich gekommen.

»Mrs Cashion?«

Ich stand auf.

Eine junge Frau in einem Schwesternkittel brachte mich durch die Stahltür in die Umkleidekabine. »Ziehen Sie sich bitte aus«, sagte sie. »Die hier lässt sich auf der Vorderseite zubinden.« Sie reichte mir eine zusammengefaltete Papiertunika und ein Paar Einweg-Überschuhe und verschwand.

Ich legte meine Kleidungsschichten aus Kaschmir und Wildleder ab. Ein Exfreund hat einmal zu mir gesagt, ich sei wie geschaffen für den Winter; selbst im nackten Zustand bewege ich mich wie in Samt gehüllt. Er hatte nicht unrecht. Das ganze Jahr hindurch trage ich nur Pflaumen-, Tabak- und Rotweintöne. Von Pastellfarben lasse ich die Finger.

Die Röntgenassistentin kam zurück und erklärte mir, wie die Untersuchung ablaufen würde. Ich würde auf einer schmalen Bahre in eine riesige Röhre hineingeschoben werden, wo ich vierzig Minuten lang still liegen musste. Weder durfte ich mich bewegen noch die Augen schließen. Nicht einmal tief atmen durfte ich. Sie gab mir Ohrstöpsel und einen Panikknopf, falls ich einen klaustrophobischen Anfall bekam.

Ihre Sorge war unbegründet. Ich fand dasMRT himmlisch. Was gibt es Schöneres, als an einem gewöhnlichen Arbeitstag reglos in einer warmen, klei