: Wladimir Kaminer
: Das Leben ist keine Kunst Geschichten von Künstlerpech und Lebenskünstlern
: Manhattan
: 9783641150464
: 1
: CHF 2.70
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 256
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Was verbindet eine Putzfrau mit einem abgehalfterten Superstar, einem Kneipenwirt, einem Regenmacher, einem Maler oder Wladimir Kaminers Mutter? Wie all die anderen unvergesslichen Menschen in diesem Buch zeigen sie, wie sich das Leben und die Kunst zu hinreißenden Geschichten verbinden. Geschichten von höchster Komik, aber auch von grandiosem Scheitern. Was übrigens die Putzfrau betrifft: Ihr Fazit einer Don-Carlos-Premiere an der Berliner Staatsoper ist so unvergesslich wie die Oper selbst: „Eine schöne Aufführung, wenn auch unaufgeräumt, die Kostüme der Sänger ungebügelt, die Dekoration staubig und das Theater im Ganzen schlecht geputzt …“

Wladimir Kaminerwurde 1967 in Moskau geboren und lebt seit 1990 in Berlin. Mit seiner Erzählsammlung »Russendisko« sowie zahlreichen weiteren Bestsellern avancierte er zu einem der beliebtesten und gefragtesten Autoren Deutschlands.

50 Cent und die Toilettenfrau

Menschen handeln häufig nach Gefühl, aus dem Bauch heraus. Sie können sich dabei einbilden, streng nach Vernunft, gar nach Kalkül, vorzugehen. Sie glauben, alles durchgerechnet und im Griff zu haben. Doch hinter jedem Kalkül steckt immer eine Illusion, ein Traum, ein Missverständnis. Aufgrund von solchen Illusionen werden Kriege geführt, Friedensverträge geschlossen, dieUNO trommelt ihre Blauhelme zusammen, Menschen treffen sich, Menschen verlieren sich. Und wer bringt alles wieder in Ordnung? Wer biegt den gekrümmten Stahl gerade? Wer näht die Löcher wieder zu? Jemand, den wir nicht kennen. Ich sage nur, im Hintergrund jedes Weltgeschehens steckt immer irgendeine bescheidene Person. Zum Beispiel eine Toilettenfrau aus Sachsen, die alle Strippen in der Hand hält.

Hierzu ein Beispiel: Mein alter Freund Tony gehört zu der kleinen Gruppe der ehemaligen Bürger derDDR, die von der Wende profitiert haben. In seinem früheren Leben kellnerte Tony in seiner Heimatstadt in einem sozialistischen Restaurant. 1990 fing er als Erster an, Bier und Würstchen im Stadion zu verkaufen. Damit zog er durch Sachsen und Thüringen und das mit großem Erfolg. Tony hatte die brillante Idee, seine Würstchen in »Hot Dogs« umzutaufen. In Sachsen hatte es zwar schon immer gute Würste gegeben, aber keine »Hot Dogs«. Tony wurden die Dinger buchstäblich aus der Hand gerissen. Er stellte mehrere Imbissbuden quer durch die neuen Bundesländer auf, eröffnete das erste Irish Pub, das erste Steakrestaurant, mehrere Cocktailbars und zuletzt einen großen Club mit eigener Brauerei.

Er war erst 35, aber manchmal überfiel ihn schon die Langeweile. Er suchte neue Herausforderungen und Abenteuer. Er flog für drei Tage nach Afrika auf Safari, dann nach Rio zum Karneval, wo er eine Brasilianerin kennenlernte, die er nach Sachsen abschleppte. Die Brasilianerin hörte auf den Namen Sabine, war zwei Meter groß, sachsenfeindlich und eifersüchtig wie ein Othello auf Speed. Sabine beschwerte sich bei jeder Gelegenheit über das schlechte Wetter und die langweiligen Männer in Deutschland. Im Jahr darauf packte sie all seine Geschenke zusammen und flog nach Brasilien zurück. Für Tony war das ein harter Schlag. Er gab seiner Stadt und seinen muffigen Mitbürgern die Schuld an Sabines Rückzug. Er hatte die Nase gestrichen voll davon, in einem Provinznest zu leben, aber umziehen wollte er auch nicht. Tony beschloss, seiner Heimatstadt ein neues Image zu verpassen, Weltstars einzuladen, große Konzerte zu veranstalten, die Jugendkultur voranzutreiben, es richtig krachen zu lassen und dann vielleicht noch einmal Sabine einzuladen.

Als Erstes lud er den amerikanischen Rapper 50 Cent ein, der gerade eine Tour durch Europa plante. Es war ein glücklicher Zufall. Für 50 Cent ging in Amerika die Sonne des Erfolgs langsam unter, er kam in den zahlreichen Hitparaden nicht mehr vor, galt aber noch immer als Superstar. Es war für ihn genau die richtige Zeit, Europa zu entdecken. Aus dem Vertrag mit 50 Cent, in dem allein die »Bedürfnisse des Künstlers« drei Seiten lang waren, ging deutlich hervor, dass Bescheidenheit nicht zu dessen Tugenden zählte. Zu den Bedürfnissen des Rappers gehörten eine weiße Limousine, fünf Kisten Champagn