: Vera Kaesemann
: Liebe - kälter als der Tod Einem Narzissten verfallen
: Goldmann Verlag
: 9783641167899
: 1
: CHF 8.00
:
: Partnerschaft, Sexualität
: German
: 256
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Max ist intelligent, charismatisch und erfolgreich. Doch der vermeintliche Traummann wird für Sarah schnell zum Albtraum. Denn Max ist Narzisst. Aus Liebe versucht Sarah alles, ihm zu helfen. Therapeutin Vera Kaesemann gewährt uns anhand dieses Falles Einblicke in das gefährliche und kaum thematisierte Krankheitsbild der narzisstischen Persönlichkeitsstörung – eines Menschen, der unfähig ist zu lieben.

Vera Kaesemannist Heilpraktikerin und leitet in Hamburg eine Praxis mit den Schwerpunkten Klassische Homöopathie, Psychosomatik und Kinderheilkunde. Zusammen mit dem Arzt und Psychotherapeuten Ruediger Dahlke erschien 2009 ihr erstes Buch"Krankheit als Sprache der Kinderseele".

Kapitel 1 –Die Prominenz kommt zum Schluss

Für einen Moment hielt ich das Glas mit dem Champagner gegen das Kerzenlicht. Ich betrachtete die Bläschen, die eilig vom Boden in die Höhe strömten und dort an der Oberfläche platzten wie kleine Seifenblasen. Nichts konnte sie stoppen. Und ich sah die Farbe, das Gold, den Glanz im Licht des Kronleuchters über uns und die Gesellschaft am langen Tisch, die weißen Teller, das silberglänzende Besteck, die Stoffservietten. Alle redeten aufgeregt durcheinander. Auf dem Tisch weiße Tulpen, meine Lieblingsblumen. Ich setzte das Glas an meine Lippen. Köstlich. Es gab kaum ein besseres Getränk für einen Abend wie diesen. Der Geschmack blieb nur kurz auf der Zunge, doch schon der nächste Schluck brachte ihn zurück. Für einen kurzen, aber glücklichen Augenblick. Katrin, meine Geschäftspartnerin, hatte mich von der Seite beobachtet, sie erhob das Glas. »Es war ein harter Tag«, sagte ich, wie zur Entschuldigung.

Wir hatten heute Abgabe gehabt und einem Großkunden aus London unserPR-Konzept präsentiert. Den ganzen Tag hatte ich am Kopf des langen Konferenztisches mit den Kannen Kaffee und den Meetingkeksen gestanden. Christian, mein Assistent, hatte den Beamer bedient. Jedes Bild hatte ich erklärt, jeden Werbetext erläutert. Mit trockenen Mienen, meistens auf ihre Handys starrend, hatten die Businesspartner meine Ausführungen zur Kenntnis genommen. Sie hattenSMS geschrieben, ihre E-Mails abgerufen, ich glaube, einer hatte sogar Candy Crush auf seinem Smartphone mit dem extra großen Display gespielt. Den Vortrag hatte ich auf Englisch gehalten. Ich hatte gezielt mit Marketingbegriffen um mich geworfen, an den richtigen Stellen Pausen gemacht, hier und da mal einen Witz gerissen, Fotos sprechen lassen und einfliegenden 3-D-Schriften die Möglichkeit gegeben, ihre Wirkung auf die Kunden zu entfalten.

»Du hast einen guten Job gemacht«, sagte Katrin.

»Danke, du weißt ja, wie sie sind. Sie wollen dieses ganze Marketingkauderwelsch.« Unser neuer Kunde war ein Pay-TV-Anbieter, der mit Sportrechten handelte. Unsere und vor allem meine Aufgabe als Inhaberin der Werbeagentur war es, Fernsehzuschauern mit Slogans zu erklären, dass jeder Mensch von Geburt an Basketballfan sei, es ihm vorher nur nicht bewusst gewesen war.

»Ja, ich weiß«, seufzte Katrin und trank einen weiteren Schluck Champagner.

Mir taten die Füße weh, ich streifte meine Pumps unter dem Tisch ab und zog meinen schwarzen kurzen Rock ein Stück tiefer über die Strumpfhose. Es war die teuerste, die ich besaß. Sie hatte den heutigen Tag überlebt, keine Laufmasche, immerhin. Ich strich mir durchs lange blonde, widerspenstige Haar. In großen Wellen fiel es jetzt über meine Schultern.

Eine Stunde hatte ich heute Morgen im Bad verbracht. Ich hatte mir die Augenbrauen gezupft, die Fingernägel lackiert, mich vor dem Spiegel kontrolliert, wieder und wieder. Ich bin nicht eitel, jedenfalls nicht übertrieben eitel, aber