: Elisabeth Herrmann
: Totengebet Kriminalroman
: Goldmann
: 9783641166502
: Joachim Vernau
: 1
: CHF 8.90
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: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 448
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ein Mord, eine geheimnisvolle junge Frau in Tel Aviv und Anwalt Joachim Vernau im Visier eines gnadenlosen Killers.
Berlin, 2015. Anwalt Vernau erwacht im Krankenhaus und kann sich an nichts mehr erinnern. Dafür ist er der Held von Berlin: In einer U-Bahnstation hat er mehrere Männer in die Flucht geschlagen, die einen älteren Herrn bedrängt haben. Aber wer ist die junge Frau mit dem Davidstern, die seitdem durch seine Erinnerung geistert? Und was hat sie mit den schrecklichen Morden zu tun, die sich wenig später ereignen? Als Vernau der schönen Unbekannten zu nahe kommt, wendet sich das Blatt: plötzlich steht er unter Mordverdacht. In letzter Sekunde kann er das Land verlassen, sein Ziel: Tel Aviv. In der brodelnden Metropole am Mittelmeer sucht er nach dem einzigen Menschen, der ihn entlasten kann - und wird hinabgezogen in den Strudel eines vergessenen Verbrechens, das sich vor über dreißig Jahren in einem Kibbuz in Israel ereignet hat ...

Elisabeth Herrmannwurde 1959 in Marburg/Lahn geboren. Nach ihrem Studium als Fernsehjournalistin arbeitete sie beim RBB, bevor sie mit ihrem Roman 'Das Kindermädchen' ihren Durchbruch erlebte. Fast alle ihre Bücher wurden oder werden derzeit verfilmt: Die Reihe um den Berliner Anwalt Joachim Vernau sehr erfolgreich vom ZDF mit Jan Josef Liefers. Elisabeth Herrmann erhielt den Radio-Bremen-Krimipreis, den Deutschen Krimipreis und den Glauser für den besten Jugendkrimi 2022. Sie lebt mit ihrer Tochter in Berlin und im Spreewald.

Haifa, 7. Oktober 1987

Um kurz vor halb sieben ging die Sonne unter.

Rebecca saß auf der Holzbank neben dem schmalen Bahnsteig, den Blick starr auf die Betonbrücke gerichtet, die in einem weiten Schwung die Gleise überspannte und direkt von der Straße in den Hafen führte. Sie wusste, dass sie spätestens in ein paar Minuten wieder den Platz wechseln musste, um nicht aufzufallen. Seit heute Mittag saß sie hier, und nun, da der Horizont in glühendes Rot getaucht war und der heiße Wind langsam abkühlte, hatte die Hoffnung Zeit genug gehabt, sich in tiefe Sorge zu verwandeln.

Ab und zu fuhr ein Auto über die Brücke. Am Hafeneingang wurde es angehalten, und der Fahrer konnte nach einem kurzen Plausch mit den Sicherheitskräften und dem Vorzeigen der Papiere und Tickets passieren. Manchmal tauchten auch Fußgänger auf. Meist Rucksacktouristen mit ihrem hoch aufgetürmten Gepäck, gekrönt von Schlafsack und Isomatte. Sie kamen einmal pro Stunde mit dem Zug und alle dreißig Minuten mit dem Bus.

Nur ihr Liebster, der kam nicht.

Die erste Fähre nach Limassol auf Zypern hatten sie schon verpasst. Und auch die zweite würde ohne sie abfahren. Was dann? Eine dritte gab es nicht. Sie würde mit ihrer Tasche, in der sie alles für die Flucht untergebracht hatte, bei ihrer Tante Rose anklopfen müssen. Es war nicht weit, nur ein paar hundert Meter, wenn man aus dem kleinen Bahnhof auf den staubigen Vorplatz hinaustrat und sich nach rechts wandte. Sie wohnte in der deutschen Kolonie, direkt an der Ben-Gurion-Straße. Aber Rebecca fürchtete sich davor. Nicht weil die alten Häuser am Hafen verfallen und die Gassen dunkel waren. Auch nicht vor dem, was Tante Rose sagen würde, wenn sie von dem weißen Kleid und dem Schleier erführe, beides in Papier eingeschlagen und ganz unten in ihrer Reisetasche vergraben. Sie fürchtete sich, weil ein Aufbruch bedeutet hätte, dass ihr Plan gescheitert war und sie das Kleid und den Schleier gleich auf dem Bahnhofsvorplatz verbrennen konnte.

Dabei hatten sie alles so gut vorbereitet. Schon vor Wochen, heimlich und in aller Stille. Seit klar war … Rebeccas Hand legte sich auf ihren Bauch. Noch war er flach, aber in wenigen Wochen würde jeder im Kibbuz sehen können, was passiert war.

»Ist alles in Ordnung?«

Erschrocken sah sie hoch. Der Mann, der den ganzen Tag schon hinter dem Fahrkartenschalter saß, hatte zwischen zwei Zügen sein Kabuff verlassen. Er wollte sich ein wenig die Beine vertreten und hatte zufällig mitbekommen, dass sie seit vier Stunden weder nach Tel Aviv noch nach Akko oder Naharija gefahren war. Sie saß einfach nur da wie bestellt und nicht abgeholt. Ausgesetzt. Sie trug ihre besten Sachen – eine dunkelblaue Baumwollbluse und den knielangen Rock, beides selbst genäht, frisch gewaschen und gebügelt. Die Haare gescheitelt und nach hinten gebunden. Am Handgelenk das Bat-Mizwa-Geschenk ihres Vaters, eine kleine Timex, um den Hals den goldenen Davidstern ihrer Großmutter. An ihrer Erscheinung lag es ganz sicher nicht, dass der Mann sie ansah wie eine Gestrandete. Vielleicht war es ihre Haltung: die Arme verschränkt, etwas vornübergebeugt, die Ecken suchend. Seht nicht zu mir her, nehmt mich nicht wahr, ich bin eine Unsichtbare, die gerade an der größten Herausforderung ihres Lebens scheitert. Ganz langsam tropfte die bleierne Gewissheit in ihre Verzweiflung, dass etwas passiert sein musste.

»Ich warte auf jemanden.«

Der Fahrkartenverkäufer holte ein Päckchen Zigaretten aus der Brusttasche seines Hemdes und zündete sich eine an. Er war hager und n