Kapitel 1
Während die Häuser von Arabba langsam hinter ihnen blieben, schaltete Axel immer höher, bis die Nine T tiefenentspannt niedertourig vor sich hinbollerte. Er wollte es ruhig angehen lassen und auch sich selbst auf eine niedrige Drehzahl bringen. Auf langen Touren ohne zu viele Kurven gelangte er schnell in einen Gemütszustand, in dem er für viele Stunden hellwach, aber in sich gekehrt sitzen konnte, ohne über seine Arbeit bei der Kölner Mordkommission, sein Single-Dasein oder sonst ein weltbewegendes Thema nachzudenken. So ähnlich musste Meditation sein, vermutete er. Und wie immer bei diesen Gelegenheiten dachte er an das BuchZen und die Kunst ein Motorrad zu warten. Er hatte es wie viele andere Motorradfahrer in seinem Bekanntenkreis gelesen und irgendwie gut gefunden, auch wenn der philosophische Teil des Buches langweilig und komplett unverständlich war. Aber die Geschichte des Motorradfahrers, der zusammen mit seinem Sohn auf kleinen Straßen durch Amerika fuhr und über das Leben nachdachte, war faszinierend. Axel nahm sich vor, im Winter dem Buch eine zweite Chance zu geben.
Aber jetzt war es Juni, trotz eintausendsechshundert Höhenmetern erwärmte die Sonne das morgendliche Tal schon auf angenehme zwanzig Grad und hinter zwei scharfen Kurven stieg die Straße immer steiler bergan. »Jetzt geht’s los. Jetzt geht’s lohos«, rief sich Axel selber zu. Er grinste dämlich. Das Leben war eine Kurve und er hatte vor, es bis zur letzten Abzweigung zu befahren. Mit ruckartigen Hüftbewegungen brachte er die BMW zum Tanzen, ließ sie nach links abfallen, bis die Fahrdynamik sie wieder aufrichtete und er sie zur anderen Seite kippen ließ. Dies war der höchstwahrscheinlich untaugliche Versuch, die Flanken der Reifen ein wenig aufzuwärmen, aber zumindest hatte er guten Grund, das schwarze Gold auf die kommenden Kurven vorzubereiten. Die armen Motorradfahrer in Köln, denen es im Sommer in der Domstadt in der Gashand juckte, verfielen auch manchmal in diese Slalombewegungen, konnten ihren Kurvenhunger aber bis zur nächsten Ampel damit unmöglich befriedigen. Paul und er hatten vor, sich an Dolomitenkurven den Appetit zu verderben.
Der Himmel war seit dem frühen Morgen wolkenlos, immer wenn Axel die BMW mit gleichmäßiger Beschleunigung aus dem Schatten eines Waldstückes zurück in die Sonne katapultierte, war das endlose Blau über ihnen ein wenig intensiver geworden. Überhaupt, die BMW! Leichtfüßig und gleichzeitig mit der Kraft eines austrainierten Kampfstieres bewegte sich die Nine T durch die Kurven, als sei sie in diesem Tal aufgewachsen. Axel blickte in den Rückspiegel um abzuchecken, ob sein Tempo Paul unter Druck setzte, aber dessen rote GS 1200 flackerte im perfekten Abstand im Sonnenlicht hinter ihm. Ein letzter Blick auf die massive Wand mit dem Piz Boe, an dessen Flanke tatsächlich noch ein Rest Schnee zu glitzern schien, dann konzentrierte Axel sich voll und ganz auf die Kurven, die sich vor ihm aneinanderreihten.
Und da kam sie, die erste Hundertachtzig-Grad-Kehre, für die er in den ersten Gang zurückschaltete und über die Schulter schaute, um den Kurvenausgang als Ziel im Auge zu haben. Solch eine extreme Blickführung hatte schon lange keine Streckenführung mehr von ihm verlangt, er musste s