: David Pfeifer
: Die Rote Wand Roman
: Heyne Verlag
: 9783641158521
: 1
: CHF 2.70
:
: Erzählende Literatur
: German
: 288
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der Tod kommt jedes Mal aus einer anderen Richtung

Wie eine Steinwand, die Gott als natürliche Grenze zwischen Nord- und Südeuropa in die Erde gerammt hat, ragen die Berge hinter Sexten in den Himmel. Hier verläuft 1915 die Grenze zwischen Österreich-Ungarn und Italien. Eine Front, die im Ersten Weltkrieg Schauplatz eines erbitterten Stellungskriegs wird. Gekämpft wird auf Felsvorsprüngen, Gipfeln, auf Skiern, mit Stichmessern, Karabinern und Handgranaten. Mann gegen Mann versuchen kleine Einheiten die Höhe zu sichern. In all diesen Scharmützeln hält sich in der roten Wand ein Mädchen auf, das seinem Vater in den Gebirgskrieg gefolgt ist. David Pfeifer erzählt ihre Geschichte und die Geschichte des Dolomitenkriegs in einem eindrucksvollen Roman.

David Pfeifer, Jahrgang 1970, Österreicher, wuchs in München auf, bevor es ihn 1993 nach Hamburg zog, um für das legendäre Magazin Tempo zu arbeiten. Weitere Stationen waren der Stern und Vanity Fair. 2014 wurde er leitender Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung. Er schreibt Romane und Sachbücher, zuletzt erschien Die Rote Wand. Schlag weiter Herz war 2013 sein erster Roman bei Heyne Hardcore, der jetzt unter dem Titel Patong neu aufgelegt wird. Seit 2020 ist er Süd-Ost-Asien-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung und lebt in Bangkok.

2. Kapitel

Der Herzog von Avarna, italienischer Botschafter in Wien, hatte sich kurzfristig zum Besuch in der Hofburg angemeldet. Am Vormittag des 23. Mai 1915 klapperten die Hufe von vier edlen Pferden in den Durchfahrten. Schließlich hielt die Kutsche des Herzogs auf dem Franzensplatz vor dem Außenamt.

Es war Pfingstsonntag, und die Nachricht duldete keinen Aufschub. Dennoch stieg Avarna kontrolliert aus, setzte einen Stiefelabsatz nach dem anderen auf die kleinen Trittstufen und schließlich auf das Pflaster. Gemessenen Schrittes ging er in den Trakt der Reichskanzlei. Er hielt Tempo und Attitüde in dem diplomatischen Geist, den er der Situation für angemessen erachtete.

In den vergangenen Monaten war auf eine Art und Weise um Länder und Menschenleben geschachert worden, die Avarna als ehemaliger General für unwürdig hielt. Und er wusste aus vielen freundlichen Begegnungen, dass sowohl Kaiser Franz Joseph wie auch dessen Außenminister Graf Burián von Rajecz es ebenso sahen.

Deutschland hatte sich aus den Verhandlungen bereits zurückgezogen, nachdem Kaiser Wilhelm II. in einer Mischung aus Überheblichkeit und Tölpelhaftigkeit in Rom letzte Sympathien verspielt hatte. Aber insbesondere die Deutschen konnten eine dritte Front nicht gebrauchen, weswegen sie in Wien deutlich machten, wie wichtig ein Friede mit Italien sei. Das Habsburgerreich hatte seine gesamten Truppen in die Schlachten im Osten geschickt. Es war schlicht niemand mehr zur Landesverteidigung da. Italien sah vor allem die günstigen Umstände, an Ländereien zu kommen, ohne allzu viel Blut vergießen zu müssen. In Kriegsstimmung war man nicht.

Jeden Tag landeten neue Schreckensmeldungen von Toten und Verkrüppelten aus allen Teilen Europas auf Avarnas Schreibtisch.

Dazwischen gingen jedoch telegrafierte Depeschen ein, in denen italienische Forderungen aufgeführt wurden, die Avarna übermitteln musste.

So hatte ihn bereits im Februar eine Nachricht aus Rom erreicht, in der der italienische Außenminister Baron Sonnino darlegte, unter welchen Voraussetzungen man einem weiteren Friedensvertrag mit Österreich-Ungarn zustimmen werde. In sechzehn Artikeln eines ausführlichen Forderungskatalogs wurde präzise aufgeführt:

Art. IV – Im Friedensvertrag soll Italien erhalten: das Trientiner Gebiet und Südtirol, der geografischen und natürlichen Grenze folgend (Brennergrenze), dann auch Triest, die Grafschaften Görz und Gradisca und ganz Istrien einschließlich Volosca bis zum Quarnero, ferner die istrischen Inseln Cherso, Lussin und die kleineren Inseln Plavnik, Unie, die Canidolen, Sansego, die Orilen, Palazzuoli, San Pietro in Nembi, Asinello, Gruic und die kleinen Nachbarinseln.

Herzog Avarna wusste, dass Sonnino diese Forderungen in erster Linie gestellt hatte, um dem italienischen König einen Grund zu liefern, den Dreibund mit Deutschland und Österreich-Ungarn zu lösen. Eine Verhandlungstaktik, die Avarna nicht mochte.

Doch auch die Österreicher hatten es ihm nicht leicht gemacht. Noch einen Monat vor Avarnas letztem Besuch in der Hofburg notierte der ehemalige Legationsrat an der italienischen Botschaft in Wien, Luigi Aldrovandi Marescotti, mittlerweile wieder nach Rom zurückberufen:

Sonntag, den 25. April 1915

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