Santa Maria in Traspontina
Via della Conciliazione 14
DIENSTAG, 5. APRIL 2005. 10 : 41 UHR
Als Inspektorin Paola Dicanti die Kirche betrat, kniff sie die Augen zusammen, um in der Dunkelheit besser sehen zu können. Sie hatte fast eine halbe Stunde gebraucht, um an den Tatort zu gelangen. In Rom herrschen schon unter gewöhnlichen Umständen chaotische Verkehrsverhältnisse, aber nach dem Tod des Heiligen Vaters hatte sich die Stadt in ein Tollhaus verwandelt. Täglich strömten Tausende von Menschen in die Hauptstadt der katholischen Christenheit, um sich von dem Leichnam zu verabschieden, der im Petersdom aufgebahrt lag. Der Verstorbene galt schon jetzt als Heiliger, und in den Straßen sammelten einige Gläubige bereits Unterschriften, um seine Seligsprechung einzufordern. Stunde um Stunde nahmen 18 000 Menschen den Leichnam in Augenschein. Was für ein gigantischer Erfolg für die Gerichtsmedizin, dachte Paola sarkastisch.
Ihre Mutter hatte sie gewarnt, als sie die gemeinsame Wohnung in der Via della Croce verließ.
«Fahr nicht über die Via Cavour, da brauchst du ewig. Fahr lieber die Regina Margherita hoch und dann über die Via Rienzo», sagte sie, während sie in dem Haferbrei rührte, den sie seit dreiunddreißig Jahren jeden Morgen für ihre Tochter zubereitete.
Natürlich war Paola doch über die Via Cavour gefahren, und es hatte ewig gedauert.
Sie schmeckte noch den Haferbrei, diesen typischen Morgengeschmack. Während ihres Jahres an derFBI-Akademie in Amerika, wo sie zur Profilerin ausgebildet worden war, hatte sie dieses Aroma auf beinahe krankhafte Weise vermisst. Schließlich hatte sie ihre Mutter sogar gebeten, einen Topf voll zu schicken, und sich den Brei fortan in der Mikrowelle aufgewärmt. Es schmeckte nicht wie zu Hause, half ihr aber dieses harte und lehrreiche Jahr über ihr Heimweh hinweg.
Paola war einen Steinwurf von der Via Condotti entfernt aufgewachsen, eine der exklusivsten Adressen der Welt. Dennoch war ihre Familie arm gewesen. Was dieses Wort wirklich bedeutete, erfuhr sie allerdings erst während ihres Aufenthalts in den USA, einem Land, das für alles eigene Maßstäbe setzt. Am Ende des Jahres war sie heilfroh, in die Stadt zurückzukehren, die sie in ihrer Jugend so verabscheut hatte.
In Italien war erst im Jahr 1995 eine polizeiliche Einheit für die Analyse von Gewaltverbrechen und Serienmorden gegründet worden – dieUnità per l’Analisi di Crimini Violenti (UACV). Kaum zu glauben, dass das Land, das in den Statistiken für Psychopathen weltweit an fünfter Stelle steht, so lange keine Einheit zu deren Bekämpfung hatte. Ein Teil der UACV war das Labor für Verhaltensforschung, kurz LAC, eine Sonderabteilung, die von Giovanni Balta aufgebaut worden war, Paola Dicantis Lehrer und Mentor. Leider kam Balta 2004 bei einem tragischen Verkehrsunfall ums Leben, und so wurde aus derDottoressa Dicanti die Inspektorin Dicanti, die das LAC in Rom leitete. Seit dem Tod ihres Chefs war das LAC ziemlich übersichtlich: Paola war die einzige Mitarbeiterin. Aber als Unterabteilung der UACV konnte das Labor auf die technische Unterstützung durch eine der fortschrittlichsten Forensikabteilungen Europas zählen.
Und doch gab es bisher kaum Erfolge zu verzeichnen. In Italien befanden sich dreißig nicht identifizierte Serienmörder auf freiem Fuß. Neun davon wurden so genannten heißen Fällen, also Morden aus jüngster Vergangenheit, zugeordnet. Seit Paola das LAC leitete, waren jedoch keine weiteren Leichen aufgetaucht, und das Fehlen von Spurenmaterial bedeutete für sie zusätzlichen Druck, da Täterprofile häufig das einzige Mittel waren, einem Verdächtigen auf die Spur zu kommen. «Luftschlösser» nannte das Dr. Boi, ein Physiker, der mehr Zeit am Telefon als im Labor verbrachte. Bedauerlicherweise war Boi Generaldirektor der UACV und damit Paolas direkter Vorgesetzter, und jedes Mal, wenn er ihr im Gang begegnete, warf er ihr einen spöttischen Blick zu. «Meine hübsche Geschichtenerzählerin» nannte er sie, wenn sie in seinem Büro alleine waren – eine sarkastische Anspielung auf das erstaunliche Maß an Vorstellungskraft, das Paola in ihren Täterprofilen an den Tag legte. Paola wünschte sich sehnlichst, dass ihre Arbeit endlich handfeste Ergebnisse brachte, die sie diesem Mistkerl dann unter die Nase würde reiben können.
In einer schwachen Stunde hatte sie den Fehler begangen, mit ihm ins Bett zu gehen. Zu viele Überstunden, da wurde man unvorsichtig, dazu eine unbestimmte Leere im Herzen … Der Umstand, dass Boi verheiratet war und fast doppelt so alt wie sie, machte den Katzenjammer am Morgen danach auch nicht erträglicher. Zwar hatte er sich wie ein Gentleman verhalten und sie nicht weiter bedrängt (tatsächlich war er gleich wieder auf Distanz gegangen), doch gestattete er Paola auch nicht, die Angelegenheit zu vergessen. Immer wieder streute er die eine oder andere halb chauvinistische, halb charmante Bemerkung ein.Dio, wie sie das hasste.
Nun aber hatte sie endlich, zum ersten Mal seit ihrer Beförderung, einen richtigen Fall. Von Anfang an konnte sie die Arbeit selbst in die Hand nehmen, ohne auf das verpfuschte Beweismaterial angewiesen zu sein, das diese Tölpel von Polizisten irgendwann gesammelt hatten. Der Anruf hatte sie erreicht, als sie gerade beim Frühstück saß. Sofort ging sie zurück in ihr Zimmer, um sich umzuziehen. Ihr langes schwarzes Haar steckte sie zu einem straffen Dutt hoch und entschied sich gegen Hosenrock und Pullover, die sie im Büro hatte tragen wollen. Stattdessen wählte sie ein elegantes, schwarzes Kostüm. Sie war sehr gespannt: Der Anrufer hatte ihr keinerlei Einzelheiten genannt, nur, dass ein Mord begangen worden sei, der in ihre Zuständigkeit falle; sie solle «umgehend» zur Kirche Santa Maria in Traspontina kommen.
Und da stand Paola nun, am Portal der Kirche. Hinter ihr zog sich eine fast fünf Kilometer lange Menschenschlange hin, die bis zur Vittorio-Emanuele-II-Brücke reichte. Sie warf einen besorgten Blick auf die Szenerie. Die Menge hatte schon die ganze Nacht dort ausgeharrt, aber selbst diejenigen, die etwas hätten sehen können, standen immer noch zu weit vom Tor der Kirche entfernt. Einige Pilger musterten im Vorübergehen die beiden Carabinieri, die unauffällig am Eingang des Gotteshauses postiert waren, um Spontanbesuchern den Einlass zu verwehren. Bei Nachfragen erklärten sie in freundlichem, aber überaus bestimmtem Ton, das Gebäude sei aufgrund von Renovierungsarbeiten geschlossen.
Paola atmete tief durch und betrat die Kirche. Sie war einschiffig und hatte auf beiden Seiten je fünf Kapellen. Der Geruch von abgestandenem Weihrauch hing in der Luft. Es brannte kein Licht. Vermutlich, weil das auch so war, als die Leiche gefunden wurde. Eine von Bois Maximen lautete: «Sehen wir, was der Täter gesehen hat.»
Sie kniff die Augen zusammen und blickte sich um. Zwei Personen, die mit dem Rücken zu ihr im hinteren Teil der Kirche standen, unterhielten sich leise. Ein nervöser Mönch des Karmeliterordens, der am Weihwasserbecken stand und den Rosenkranz betete, bemerkte, wie aufmerksam Paola sich im Raum umsah.
«Sie ist wunderschön, nicht wahr, Signorina? Die Kirche stammt aus dem Jahr 1566. Sie wurde von Peruzzi erbaut, und die Kapellen …»
Paola unterbrach ihn lächelnd, aber...