1. Mich trifft der Schlag
Am Dienstag, den 23. April 2007, gegen 19 : 30 Uhr, fuhr ich im Taxi in Richtung der festlich beleuchteten Berliner Philharmonie. Der Fahrer hielt nicht am Künstlereingang, um mich dort abzuliefern, was an diesem Abend normal gewesen wäre – ich sollte nämlich in wenigen Minuten dort auf der Bühne stehen. Er folgte stattdessen meiner Bitte, mich zur Notaufnahme der Berliner Charité zu bringen. Die wartenden Konzertbesucher, an denen wir vorbeifuhren, hatten noch keine Ahnung, dass ich heute nicht würde spielen können, und sie ahnten auch nicht, dass in diesem Augenblick backstage darüber diskutiert wurde, ob das Konzert überhaupt stattfinden konnte, ob meine Kollegen der »Jan Garbarek Group« ohne mich spielen würden. Und mir selbst war noch nicht klar, dass in diesem Moment meine rund 25-jährige Mitgliedschaft in der Band zu Ende ging. Und damit meine Karriere als Jazzbassist.
Am Nachmittag, während eines für mich unerfreulichen Soundchecks, hatte ich festgestellt, dass die Feinmotorik meiner linken Hand abhanden gekommen war und damit meine Intonationssicherheit. Der Grund, weshalb ich bei der Charité vorstellig wurde, war die naive Frage: »Was ist da los?«
Das Jahr 2007 war von langer Hand von Bremme& Hohensee, unserem Management, als großes Tourneejahr für die »Jan Garbarek Group« vorbereitet worden. Um die 100 Konzerte in ganz Europa waren gebucht. Am 22. April spielten wir im hohen Norden Deutschlands, in Gronau. Wir beschlossen, gleich nach dem Konzert an unseren nächsten Auftrittsort, nach Berlin, weiterzufahren, damit wir wieder mal zwei Nächte im selben Hotel verbringen konnten – manches Mal gut, um nicht jeden Tag Koffer packen zu müssen, mal wieder Wäsche waschen lassen zu können. Ein Tag nicht auf Flughäfen oder auf der Autobahn. Als absolut pünktliche Band konnte man die Uhr nach uns stellen. Also waren wir Schlag 22 : 10 Uhr fertig. Ein Set, wie immer ohne Pause, zwei Zugaben inbegriffen. Unsere drei Techniker haben zügig abgebaut, nachts fuhren wir über die Autobahn nach Berlin. Gegen zwei, drei Uhr fielen wir ins Bett.
Am nächsten Morgen, an jenem Dienstag, dem 23. April, wollte ich zwei lang gehegten kulinarischen Gelüsten nachgeben: wieder mal eine Berliner Bratwurst verspeisen. Gleichzeitig hatte ich Lust, ein Chinarestaurant aufzusuchen. Ich befürchte, das klingt widersprüchlich und merkwürdig. Ich wollte einfach mal wieder eine Abwechslung zu den täglichen Hotel-Frühstücksbüfetts, die sich überall gleichen.
Wir waren im nagelneuen Swissôtel in der Augsburger Straße abgestiegen. In der Nähe gab es einen »Chinesen« und in dessen Umgebung jede Menge Bratwurstbuden. Mein Plan stand fest: zuerst die Bratwurst und danach der »Chinese«.
Zuerst aber bat mich ein Fotograf für ein Fotoshooting auf die Terrasse unseres Hotels. Die Aufnahmen sollten einen Bericht im MagazinJazzthetik illustrieren, denn in diesen Tagen war gerade meine damals letzte CD bei ECM veröffentlicht worden, eine Live-Aufnahme mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart, Gary Burton, Jan Garbarek, Rainer Brüninghaus, Wolfgang Dauner, Marilyn Mazur, Reto Weber und Nino G.:Stages Of A Long Journey.
Nach dem Shooting machte ich mich auf, um meine »kulinarische Idee« wahr zu machen. Als ich den Aufzug des Hotels verließ, hatte ich das Gefühl, als würde ein Kaugummi unter meinem linken Schuh kleben.
»Ein brandneues, nobles Fünf-Sterne-Hotel, und schon liegen Kaugummis herum?«
Ich schaute auf meine Schuhsohle, aber da war nichts! Seltsam.
»Sei’s drum.«
Vor dem Hotel die nächste Irritation: Als ich das Trottoir auf der gegenüberliegenden Straßenseite betreten wollte, stolperte ich. Dennoch: wei