: Werner Legère
: Unter Korsaren verschollen
: Karl-May-Verlag
: 9783780216632
: 1
: CHF 6.10
:
: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 424
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Anfang des 19. Jahrhunderts beherrschen algerische Korsaren das Mittelmeer. Als der kleine Kaufmannssohn Livio von ihnen entführt wird, beginnt eine Odysee, die ihn schließlich vom Gefangenen zum Kapitän auf eigenem Schiff werden läßt. Erst nach vielen Jahren lüftet sich das Geheimnis um den gefürchteten Freibeuter Omar. Werner Legères erfolgreichster Roman in einer attraktiven Neuausgabe.

2. Das Ende der ‚Astra‘


 

Ein strahlend schöner Tag neigt sich seinem Ende entgegen. Die Sonne hat nur noch eine Handbreit ihres Laufes am Himmel zurückzulegen, ehe sie in den Weiten des Mittelländischen Meeres versinken kann. Breit, ruhig, gleichmäßig schwingen die Wogen, von deren Kämmen die Strahlen des Tagesgestirns wie feurige Pfeile davonhüpfen.

Bedächtig schiebt sich vor den riesigen, in rötlichem Gold flammenden Ball ein Schiff. Bald steht es in ganzer Breite vor ihm. Dunkel, schwer, massig, denn alle Segel sind gesetzt: ein herrliches Bild. Die Galionsfigur am Bug des Seglers ist von Feuer übergossen. Die goldenen Buchstaben ‚Astra‘ am Heck künden den Namen des Kauffahrers, das darunter stehende ‚Genova‘ – Genua – den Heimathafen des Schiffes.

Drei glückliche Menschen liegen in bequemen Stühlen auf Deck: Luigi Parvisi, seine Frau Raffaela und das Bübchen Livio.

Kein Wölkchen im satten Blau des Himmels. Da und dort lugen schon schüchtern einige Sterne hervor. Blass noch und unendlich fern sind sie.

Kapitän Civone hat soeben mit dem Glas den Horizont abgesucht. Keine Mastspitze war zu sehen. Ein Wetterumschlag ist auch nicht zu befürchten. Es wird schön bleiben. Der Schiffsführer atmet erleichtert auf. So kann er sich also sein tägliches Plauderstündchen mit den Parvisis gönnen. Er braucht ihr unbeschwertes Geplauder, denn schwere Sorgen belasten ihn.

Viele Male ist er den Kurs, den das Schiff jetzt nimmt, schon gefahren und dennoch fürchtet er sich immer von Neuem. Man würde Signor Civone unrecht tun, ihn gänzlich verkennen, wollte man in ihm einen Feigling sehen, aber das Mittelländische Meer, eines der schönsten der Erde, ist zugleich das gefährlichste. Nicht seiner natürlichen Tücken wegen; nicht, weil es ab und zu von gewaltigen Stürmen aufgewühlt wird, dass die Wellen das Deck zu vernichten drohen; auch nicht, weil Untiefen, Klippen und Riffe in Küstennähe die Reise gefährlich machen. Mit all dem weiß er fertig zu werden, denn er ist ein guter Seemann. Nein, nicht deshalb. Wegen de