»Ist es nicht einfach traumhaft hier?« Maren drückte Sophies Arm und deutete in Richtung der blutroten Sonne, die soeben im karibischen Meer versank. Die weiche Luft spielte mit ihrem seidenen Rocksaum und legte sich warm auf ihre schmalen Schultern. Maren seufzte verzückt. »Selbst wenn wir keine große Story auftun – die Reise hat sich jetzt schon gelohnt. Und sei es nur für den Wetterwechsel.«
Schließlich hatten die beiden vor nicht einmal zwölf Stunden noch in Hamburg gesessen und dem Regen zugesehen, der seit Tagen gegen die Redaktionsfenster geprasselt war. Es gab wohl kaum einen deprimierenderen Anblick als das schmutzige Wasser, das sich in den Bordsteinen der Hansestadt sammelte und traurig Richtung Alster gluckerte. Jetzt aber war an schlechtes Wetter oder miese Laune nicht mehr zu denken. Vor ihnen erstrahlte nicht nur der Sonnenuntergang wie aus dem Märchenland, sondern auch ein Glaspalast, zu dem heute die ganze Welt zu pilgern schien: Der neue NachtclubVicious Viper Lounge.
»Eines werden zumindest wir auf jeden Fall haben«, sagte Sophie, »nämliche heiße Nächte. Ich schwöre dir, wenn Martin Renner einen Club eröffnet, dann bleibt kein Auge trocken. Beziehungsweise keine Muschi.«
»Meine Güte, Sophie«, Maren schüttelte entnervt den Kopf. »Kannst du nicht einmal an was anderes denken?«
»Ich denke dabei ja gar nicht anmeine Muschi«, wehrte Sophie lachend ab, »zumindest nicht nur. Wenn hier nicht mindestens ein Hollywoodstar das Höschen verliert und nackt auf dem Tisch tanzt, leg ich ’nen Keuschheitseid ab!«
Maren musste lachen. Unrecht hatte die Freundin nämlich nicht. Wo immer der Münchener Investor Martin Renner auftauchte, war der nächste Skandal nicht weit – und nicht selten ging es darin um nackte Haut, vorzugsweise die berühmter Models oder reicher Töchter. Seine Kasinos in Las Vegas waren genauso berüchtigt wie die exklusiven Diskotheken in London und Berlin.
Darum war der Club, den Martin heute eröffnete, auch jetzt schon eine Legende: DieVicious Viper Lounge zog alles an, was Geld oder Ruhm hatte und es gerne krachen ließ. Hoch auf den Klippen der karibischen Insel Saint-Barthélemy gelegen, versprach der Club endlose Partynächte und Skandale, trunkene Stunden mitten unter prominenten Gästen und natürlich Schlagzeilen en masse. Sophie grinste.
»Martin hat sich wirklich nicht lumpen lassen. Ich wette, in dem Ding stecken Milliarden. Und ich sehe jetzt schon mehr Berühmtheiten als ich zählen kann. Apropros …«, sie deutete zum VIP-Eingang, wo der Clubbesitzer bekannte Hände schüttelte und grinsend Champagner-Flaschen verteilte. »Wollen wir mal schauen, ob Steinchen uns auf die Liste gesetzt hat. Ich habe nämlich nicht vor, die halbe Nacht hier draußen in der Schlange zu stehen.«
Die Reihe der Wartenden war in der Tat beeindruckend; bestimmt fünfhundert Leute hofften geduldig darauf, von den strengen Türstehern hineingelassen zu werden. Keiner war darunter, der nicht sein bestes Outfit angezogen und sich stundenlang gestylt hatte; hier waren mehr angesagte Designerstücke versammelt als auf der 5th Avenue in New York. Aber trotzdem konnte niemand sicher sein, hineingelassen zu werden.
Sophie und Maren allerdings hatten damit kein Problem: »Wenn das nicht die beiden hübschesten Reporterinnen der BLITZ sind!«, begrüßte Renner sie überschwänglich, als sie am VIP-Eingang angekommen waren. Er gab erst Sophie und dann Maren rechts und links ein Küsschen auf die Wange. Martin Renner war Mitte dreißig, sah aber aus wie Ende vierzig. Nicht besonders hochgewachsen, war er zwar trainiert, aber insgesamt zu quadratisch, um sportlich zu wirken. Trotzdem investierte er ganz offensichtlich einiges an Geld und Zeit in sein Aussehen. Nur dass er dabei leider übertrieb: Sein Gesicht war eine Spur zu gebräunt, das Haar zu schwarz, die Zähne zu weiß. Auch sein Kleidungsstil ließ Geschmack vermissen