1. Kapitel
Simone ließ den Blick über die Umzugskartons schweifen, die sich im Wohnzimmer und im Flur stapelten. Welcher Teufel hatte sie nur geritten, aus München in dieses Provinznest zu ziehen? Noch dazu in das einzige Hochhaus, das es dort gab. War es wirklich nötig gewesen, die Brücken so radikal hinter sich abzubrechen? Sicher, Manfred hätte es auch in drei Monaten nicht begriffen, dass sie nichts mehr von ihm wissen wollte. Dass die Chemie einfach nicht stimmte. Sie hätte auf ihren Körper hören sollen. Gleich bei ihrer ersten etwas intimeren Begegnung, nach den stundenlangen, sich über Wochen hinziehenden tiefschürfenden Gesprächen. Endlich ein Mann, der nachdenkt, der sogar über Gefühle reden kann, dessen Erwartungen und Vorstellungen so exakt mit den ihren übereinzustimmen schienen, dass es ihr vorkam wie ein Wunder. Dass die Übelkeit sie dann so heftig überfallen hatte, als sie ihm auf Kussdistanz nahekam, dass sie seinen Geruch als so unangenehm empfunden hatte, seine unablässig im selben einschläfernden Rhythmus über ihre Haut streichenden Hände, das hätte sie stutzig machen müssen. Und wie konnte ein erwachsener Mann nur so einfallslos küssen? Den Mund die ganze Zeit geöffnet, immer in derselben Stellung, so dass ihr der Gedanke an einen Fisch ständig im Kopf herumgegangen war, die Zunge wie ein elektrisches Rührwerk in ihrer Mundhöhle bewegend, ohne Variation, ohne Einsatz der Lippen und Zähne, wie ein Roboter, igitt!
Aber nein, sie hatte ihr Unwohlsein auf etwas Verdorbenes im Essen geschoben – ihm gegenüber. Sich selbst hatte sie eingeredet, der Ort wäre noch zu sehr behaftet mit Erinnerungen an seinen Vorgänger, der sie nicht allzu lange Zeit vorher verlassen hatte. Dabei hatte ihr Körper schon damals ganz genau signalisiert, dass sie sich mit ihm zwar hervorragend verbal verständigen konnte, dass er für befriedigenden Sex jedoch der falsche Partner war. Alles hatte sie ihm beibringen müssen! Und dann seine Feststellung, dass sie wohl eher ein klitoraler Typ sei! Wie von der Tarantel gestochen war sie danach aus der Waagerechten hochgeschossen. Diese Unterscheiderei vaginal – klitoral, sollten sich die gar nicht mehr so neuen Erkenntnisse der Sexualwissenschaft inzwischen nicht herumgesprochen haben? Was hatte er nur mit den anderen Frauen gemacht, die er vor ihr im Bett und sonst wo hatte? Und wie hatten diese Frauen auf ihn reagiert? War sie wirklich eine Ausnahme?
Irgendwann war ihr das Ganze zu lästig geworden. Außerdem dachte er nicht daran, ein Kondom zu benutzen. Ohne Begründung, einfach so, es sei ihm unangenehm, hatte er gesagt. Dass Simone aus gesundheitlichen Gründen keine Hormone nehmen durfte und die Spirale nicht vertrug, nahm er zwar zur Kenntnis, doch erwartete er stillschweigend von ihr, dass sie sich anderweitig um die Verhütung kümmern sollte. Interruptus kam für ihn ebenfalls nicht in Frage. Und wie lange es gedauert hatte, bis er endlich bereit gewesen war, einen Aids-Test machen zu lassen ...
Nein, es war gut, dass sie weggegangen war. Dorthin, wo er ihr nicht folgen konnte. Sie würde dafür sorgen, dass ihre Telefonnummer nirgends erscheinen würde. Manchen Männern konnte man anders nicht vermitteln, dass es nicht darauf ankam, ob beide die Trennung wollten, sondern dass es reichte, wenn einer der beiden der Meinung war, sie passten nicht zusammen.
Wie lästig w