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Zwei Stunden zuvor
2:37 Uhr
Wie eine riesige Scheibe hing der Mond über den ausgedehnten, wie ein ruhiges Meer vorbeiziehenden Feldern. Ende Oktober, nördliche Halbkugel. Ein Mond, der bestens geeignet war für Jäger.
Wardell stieß angesichts dieser philosophischen Gedanken ein leises Stöhnen aus und starrte durch das kleine schäbige Fenster. Wenn man direkt hineinblickte, konnte einen das helle Mondlicht in der Dunkelheit hier draußen richtig benommen machen, allerdings erleuchtete es die Erde auch kilometerweit. Nur schade, dass es nichts als Felder zu sehen gab. Kilometer für Kilometer bis zum Horizont nur ein geordnetes Nichts. Trotzdem sah er weiterhin hinaus. Hing seinen Gedanken nach und ließ seinen Körper im Rhythmus des Wagens schwanken, der über den verlassenen Highway entlangbretterte.
Trotz oder vielleicht wegen der Eintönigkeit gefiel Wardell die Aussicht. Sie hatte etwas … Klares. Ja, Klarheit war das passende Wort. Die vom Mond beschienenen Felder erinnerten ihn an eine Zeile aus dem LiedAmerica von Simon& Garfunkel. Im Prinzip mochte er keine Popmusik, dochAmerica war eins seiner Lieblingslieder. Es handelte von zwei Menschen, die sich liebten und sich auf den Weg zu einer Entdeckungsreise machten. Ihr anfänglicher jugendlicher Optimismus endete in Leere und Desillusionierung. Wardell mochte dieses Gefühl.
Dieses Lied von Simon& Garfunkel war an der Grenze zu dem, was Wardell von dem gegenwärtigen Musikgeschmack noch ertrug, ein weiterer Punkt, der ihn von den Cromagnonmenschen seiner alten Einheit unterschied. Die meisten der anderen Männer legten, was ihren Musikgeschmack betraf, eine deprimierende Eintönigkeit an den Tag: massenkompatibler Hardrock und Rap, Nickelback und Kid Rock. Nichtssagender Lärm. Mit Sicherheit hatten die sich ihrerseits hinter seinem Rücken über seinen Musikgeschmack lustig gemacht, über den teuren Kaffee, den er trank, über die Bücher, die er las. Aber nur hinter seinem Rücken. Niemand sagte ihm, Wardell, jemals etwas direkt ins Gesicht, und wenn, begingen sie diesen Fehler nur einmal.
Er lächelte bei der Erinnerung und blickte auf seine Hände hinab, die er anspannte und wieder lockerte, um einen entstehenden Krampf zu lösen. Dann hob er die rechte Hand, um sich am Vollbart zu kratzen, musste dazu aber natürlich auch die linke anheben.
Clarence, der dürre, krank aussehende Typ neben ihm, schlief. Oder tat so, als schliefe er. Was von beidem war Wardell egal, solange man ihn in Frieden ließ. Als sie losgefahren waren, hatte Clarence versucht, eine kleine Plauderei anzuzetteln, und tat das viel beharrlicher als die meisten anderen Leute, deren Bemühungen demonstrativ ignoriert wurden. Schließlich hatte Wardell ihn mit seinem stieren Blick zum Schweigen gebracht. Das funktionierte immer und signalisierte dem Gegenüber, dass dies seine