July Cullen
Verbotener Tanz – Shadows of Love
»Sie sind langweilig.«
»Pardon, Monsieur?«
»Sie sind langweilig.«
»Ich verstehe nicht …« Mein Französisch klingt plötzlich holprig und ungelenk. Obwohl mein Vater Franzose ist und ich zweisprachig aufgewachsen bin, fühle ich mich gerade wie eine deutsche Touristin, die ihr spärliches Vokabular vergessen hat. Normalerweise spreche ich so gut wie akzentfrei. Im Café heute Morgen hat man mich sogar für eine Einheimische gehalten.
Das Leder des Schreibtischstuhls ächzt leise, als er sich erhebt. »Stellen Sie sich hin.«
Trotz meines brennenden Muskelkaters stehe ich anmutig von meinem Platz auf. Kopf gerade, Schultern zurück, Beine gestreckt. Die klassische Haltung einer Tänzerin ist mir schon lange in Fleisch und Blut übergegangen.
Er kommt näher, und seine Autorität umgibt ihn wie eine lodernde Aura.
Ich blicke starr geradeaus. Mein Herzschlag wird schneller. Irgendwo im Büro tickt eine Uhr. Der Prozessorkühler seines Computers summt. Ansonsten ist es still.
Er baut sich vor mir auf, doch ich sehe ihn nicht an. Das Crescendo meines Pulsschlags rauscht in meinen Ohren. Wenn er so nah ist, fällt es mir schwer, mich zu konzentrieren. Meine Haut kribbelt wie mit Brause übergossen, ich fühle mich seltsam schwach und doch gleichzeitig so aufgekratzt, als hätte ich einen Liter Espresso getrunken.
Alle fünfundzwanzig Tänzerinnen, die es nach dem Vortanz-Marathon gestern und heute in die engere Auswahl geschafft haben, müssen zu einem persönlichen Gespräch mit ihm, dem Großmeister der Choreographie. Maximilien de Saint Verrier, seines Zeichens künstlerischer Leiter des Pariser Lido. Wer in dieser »Privataudienz« durchfällt, kann direkt abreisen.
Ich bin müde, meine Zehen tun weh, und ich habe nur noch hundertdreißig Euro für heute Abend und die nächsten beiden Tage. In einer Stadt wie Paris ist das ein Trinkgeld. Alles hier ist teuer. Die schäbigen Hotelzimmer, die Metro, der Café au Lait beim Bäcker.
In zwei Tagen sollen fünf Tänzerinnen für die legendäre Tanztruppe »Bluebell Girls« ausgewählt worden sein. Wahrscheinlich. WennMonsieursich noch nicht sicher ist, dann lässt er uns einen weiteren Tag die Beine schwingen und fällt die Entscheidung erst in drei Tagen. Dann allerdings ohne mich, denn mein Geld reicht nur noch bis übermorgen.
Als er eine Hand auf meine Schulter legt und mich zu sich dreht, verfliegt die Müdigkeit wie ein verblassender Traum. »Sehen Sie mich an.«
Ich hebe den Kopf. Der Blick aus seinen harten grauen Augen jagt mir einen feuerheißen Schauer die Wirbelsäule hinab. Ich spüre die Ausläufer bis in die Spitzen meiner geschundenen Zehen.
»Die ersten acht Takte der Etüde von heute Morgen«, verlangt er.
»Hier?« Obwohl ich meine Trainingskleidung trage, finde ich es ungewöhnlich, dass ich in seinem Büro vortanzen soll.
»Natürlich.« Er schiebt meinen Stuhl zur Seite. Als er mir auffordernd zunickt, beginne ich wie programmiert zu tanzen. Jeder Schritt sitzt. Nach der letzten Drehung sehe ich zu ihm.
Er seufzt, als hätte ich einen Verdacht bestätigt.
»Monsieur?«
»Kommen Sie mal mit.« Er führt mich zu einem Spiegel, der rechts hinter der geschlossenen Tür hängt. Er schiebt mich direkt davor und stellt sich hinter mich. Wieder ist er viel zu nah. Immer noch rast mein Herz und in meinem Bauch beginnt es