Kapitel 1 – A. Hülsmann
Start in Wiluna
»Wenn die Abgeschiedenheit eine Heimat hätte, dann wäre dieser Ort sicherlich ihr Zuhause.«
Plötzlich ist alles verschwunden. Einfach weg. Über ein Jahr habe ich diesem Moment entgegengefiebert, Sehnsüchte und Erwartungen auf diesen Augenblick fixiert. Und nun sind all diese Gefühle dahin. Sie sind der Rationalität gewichen. Emotionale Leere. Die Gedanken haben sich an der Ausrüstung festgebissen. Ist alles dabei? Nichts vergessen? Reicht das Benzin? Wird es unterwegs auch genügend Wasser geben? Das ist sie nun, die Realität, nichts Heroisches, keine Euphorie. Selbst der Reiz, dass die längste Piste der Welt vor uns liegt und wir sie mit nur zwei Motorrädern bezwingen wollen, ist verloren gegangen. Von Jörg ist kaum etwas zu sehen. Dann und wann durchdringt seine Silhouette den dichten Staub, der durch mein Hinterrad aufgewirbelt wird. Der Ärmste schluckt all den Dreck, der sich träge und zäh in der Luft hält.
Vor wenigen Sekunden haben wir die Grenze zur Unendlichkeit überschritten. In Wiluna ist diese Linie klar und scharf gezogen: Direkt hinter dem Pub, dort wo der Asphalt endet und für die nächsten 2.000 Kilometer die Piste beginnt. Die Grenze zwischen Zivilisation und der endlosen Weite des Outbacks.
Wiluna macht einem den Abschied von der Zivilisation nicht sonderlich schwer. Wenn die Abgeschiedenheit eine Heimat hätte, dann wäre dieser Ort sicherlich ihr Zuhause. Für denjenigen, der über die Canning Stock Route ins 2.000 Kilometer entfernte Halls Creek möchte, ist er jedoch der letzte menschliche Stützpunkt. In Wiluna ist die Zeit nicht stehen geblieben, sie ist schlicht nicht vorhanden. Der Ort ein Mikrokosmos mit einem eigenen Rhythmus. Was draußen in der Welt passiert, interessiert am Rande der Little Sandy Desert nicht sonderlich. Politik, selbst die im eigenen Land, ist durch die Distanz zur Bedeutungslosigkeit verdammt. Allenfalls Pferderennen und die Football-Ergebnisse schaffen es manchmal, in das Zentrum des Interesses zu rücken.
Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens in Wiluna ist der Pub. Mit Abstand das größte Gebäude im Ort. Im Umkreis von 300 Kilometern ist er die einzige Kneipe und für die meisten Menschen, die hier leben, wahrscheinlich der einzige Grund, in Wiluna zu bleiben. Im Pub herrscht noch die alte Ordnung, die ziemlich einfach strukturiert ist – schwarz und weiß. Hier der Barraum für die Weißen, mit dem Charme eines gekachelten Partykellers. Die Grundausstattung dem Ort angemessen schlicht: Bierdeckel an der Wand, dazwischen ein Poster von den »Glorreichen Sieben«, einem Western-Klassiker mit Yul Brynner, das Ganze verziert mit den Emblemen der beliebtesten australischen Football-Clubs.
Gegenüber der kleine Saal für die Aborigines. Die Zeitlosigkeit des Mobiliars drückt sich dadurch aus, dass es gar nicht vorhanden ist. Nur mintgrüne Kacheln an den Wänden und auf dem Fußboden. Wie in einer Wurstküche. Ein Raum, den man nur betreten möchte, wenn man es muss. Die Ureinwohner, die in Wiluna leben, haben keine Wahl – für sie ist der Vorhof zur Hölle mintgrün. Nur im Delirium, so scheint es, können viele Aborigines die Welt des weißen Mannes ertragen. Was für sie zählt, sind nicht mehr ihre Mythen und Riten, sondern der Alkohol ist für die meisten der Mittelpunkt des Lebens geworden. Ein fürchterliches Erwachen aus der so genannten Dreamtime, aus der ihrem Glauben nach das Leben entstand. Doch ihr Brauchtum ist kaum noch vorhanden. Es scheint, als bewegten sich die Ureinwohner Australiens im Niemandsland. Die Welt ihrer Vorfahren haben sie längst verlassen, doch in der Welt der Weißen werden sie wohl nie ankommen.
Wasser und Benzin zerren am Heck der BMW F 650. 64 Liter Sprit hat jeder von uns dabei. Hinzu kommen 24 Liter Wasser. Dann die Ausrüstung: Foto-Equipment, Werkzeug, Ersatzteile, Verpflegung und Erste-Hilfe-Set. Als hauptberuflicher Rett