Auf St. Pauli stirbt man zweimal Motorrad-Krimi
: Hans Kettwig
: Auf St. Pauli stirbt man zweimal Motorrad-Krimi
: Highlights Verlag
: 9783945784044
: 1
: CHF 8.70
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 192
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Als Jan im Schuppen seines Onkels Pit eine alte Triumph findet, kommen unangenehme Familiengeheimnisse ans Licht. Jans Vater und sein Bruder Pit waren in den Siebzigern in Hamburg als Rocker unterwegs. Bis Pit das Opfer eines mysteriösen Motorradunfalls wurde. Hat Störte, damals ein Freund aus der Rocker-Clique und später eine bekannte Kiezgröße, etwas mit dem Unfall zu tun? Jan macht sich mit der Triumph auf die Suche nach den Spuren der Vergangenheit seiner Familie. Schon bald gerät er in tödliche Gefahr ...

2.


Die Uhr in der Taskleiste meines Laptops zeigt 2:33 Uhr morgens. Ich sitze immer noch im Wohnzimmer von Heidi und Pit und nutze den offenen WLAN irgendeines unbekannten Gönners in der Nachbarschaft als Internet-Zugang. Elke ist vor einiger Zeit schlafen gegangen. Sie muss sich ja auch nicht mit der Erkenntnis auseinandersetzen, dass der eigene Vater und Onkel in ihrer Jugend Rocker waren.

Nach dem ich mittlerweile das gesamte Online-Archiv des Hamburger Abendblatts und der ZEIT nach den SuchbegriffenRocker undHamburg durchforstet habe, ist mir klar geworden, dass ein Rocker in den frühen Siebzigern mehr war, als nur ein langhaariger Motorradfahrer mit Lederjacke und Kutte. Mein Vater und mein Onkel waren Teil einer Jugendbewegung, die regelmäßig für Schlagzeilen sorgte. In den Zeitungsartikeln, die auf dem Monitor des Laptops auftauchen, wird von heftigen Prügeleien, Messerstechereien und gewalttätigen Übergriffen jeder Art berichtet. Mal wird ein Jugendlicher von Rockern aus der fahrenden S-Bahn geworfen oder ein Einzelner von einer Gruppe brutal zusammengetreten.

Ganz bestimmt waren nicht alle Rocker in dieser Zeit so gewaltbereit, denn es gab anscheinend ziemlich viele von ihnen. Ich lese von einerDienststelle zur Bekämpfung des Rockerunwesens, die 1968 gegründet wurde und in einer Rockerkartei fast 4.000 Rocker auflistete. Trotzdem lässt mich die Reise in die Vergangenheit von Vater und Onkel schockiert zurück. Die beiden haben sich mir immer als brave Biedermänner präsentiert, spießig und diszipliniert. Wenn der Koffer Fotos von den beiden als bekiffte Hippies preisgegeben hätte, wäre ich wahrscheinlich amüsiert und würde mich über die peinlichen Klamotten kaputtlachen. Aber je mehr ich über die Rockerbewegung lese, desto klarer wird, dass sie einerseits ziemlich radikal und unangepasst war, also irgendwie auch auf Provokation der Gesellschaft und Veränderung abzielte, andererseits manche Rocker einen Schritt weiter gegangen sind und zu Kriminellen wurden.

Im April 1973, also kurz nach Pits Unfall, wurde in einem Klubkeller unter der Apostelkirche in Eimsbüttel ein Kirchenhelfer erstochen. In dieser Zeit kam auch ein Mitglied der Hamburger RockergruppeBloody Devils aus Kalifornien mit der Erlaubnis zurück, die blutigen Teufel zu Engeln zu machen, indem sie den ersten Ableger derHells Angels in Deutschland gründeten. Und danach war es nicht mehr weit zur organisierten Kriminalität mit Drogenhandel, Schutzgelderpressung und Prostitution. In all dem muss ich jetzt irgendwie meinen Vater und Onkel Pit unterbringen.

Zum hundertsten Mal gehe ich die verknickten Schwarz-Weiß-Fotos aus dem Koffer durch. Die meisten Typen auf den Bildern sind in meinem Alter, junge Männer, die auf dicke Hose machen und posen wie ein Gangsta-Rapper, mit dürren Körpern, aber dicken Sonnenbri