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Sprung über einen umgestürzten Baumstamm. Kurz aus dem Tritt geraten, sich wieder fangen, weiterrennen. Weicher Boden, dann eine Lichtung voller Farne. Die feuchten Blätter peitschen ins Gesicht. Blind weiterhetzen. Wieder in den Wald eindringen. Vor einem Dornengestrüpp scharf rechts abbiegen, beschleunigen. Dreißig Meter geradeaus rennen, unter einem großen Wurzelgeflecht hindurchschlittern, ein kurzes Stück kriechen, wieder aus dem Hindernis hervorbrechen. Weiterrennen. Ohne Pause. Ohne Gewissheit, es zu schaffen.
Vargaï hätte nicht sagen können, wie lang diese wilde Flucht schon andauerte. Mindestens eine Stunde, vielleicht auch zwei oder drei. Der Weltwanderer hatte jede Orientierung und jedes Zeitgefühl verloren. Der finstere Wald, in den er immer tiefer vordrang, schien ihn verschlingen zu wollen. Außerdem verlor er mehr und mehr die Kontrolle über seinen neuen Körper.
Er hatte schon immer Vorbehalte gegen Verwandlungsprismen gehabt. Zwar hatte er in seiner langen Laufbahn als Weltwanderer schon etliche Male eines benutzt, aber immer nur in höchster Not. So wie in dieser Nacht, in der er vor seinen Feinden floh. Auch wenn er ihnen entkommen war, hatte er sich damit womöglich ins Verderben gestürzt.
Der Lupinus, dessen Gestalt er angenommen hatte, wehrte sich gegen den fremden Einfluss – oder besser gesagt, sein Geist, sein Phantom, denn das Geschöpf selbst war seit mehreren Wochen tot. Sein letzter Atemzug war kristallisiert, und Vargaï hatte das rohe Prisma gefunden und es heimlich, in nächtelanger Arbeit, zurechtgeschliffen. Im entscheidenden Moment hatte er es dann zwischen seinen Zähnen zerbissen und das freigesetzt, was von der Chimäre übrig war: ein Abbild ihrer Seele, ein schwacher Widerhall ihrer früheren Existenz, der in einem fremden Horizont gefangen war … Die Verschmelzung von Vargaïs Bewusstsein mit dem Geist des Lupinus hatte dem Weltwanderer das Aussehen eines riesigen Wolfs verliehen. Doch die Kreatur kämpfte darum, die Kontrolle über ihren Körper wiederzuerlangen, und Vargaï konnte sie nur mit Mühe zurückdrängen.
Er wusste, dass er den Kampf früher oder später verlieren würde. Mit jedem Augenblick wurde der Geist der Chimäre mächtiger und sein eigener schwächer. Das Phänomen wurde durch die wilde Flucht noch verstärkt: Der Lupinus befand sich in seinem natürlichen Lebensraum, während Vargaï sich in fremder Umgebung zurechtfinden und einen fremden Körper steuern musste.
Vargaï spürte, dass er der Chimäre bald unterliegen würde. In der tausendjährigen Geschichte der Bruderschaft war das schon mehrmals passiert. Dass eine unwiderrufliche Verwandlung nur sehr selten vorkam, beruhigte ihn nicht. Wenn er den geistigen Kampf gegen die Bestie verlor, würde er für immer in einem Körper gefangen sein, über den er keine Kontrolle mehr hätte. Er würde hilflos miterleben, wie der riesige Wolf durch die Gegend strich und seine Beute jagte. Nur wenn jemand ihn angriff und tötete, würde er sich wieder in Nichts auflösen. Doch das konnte sehr lange dauern. Zumal es mehr als unwahrscheinlich war, dass Vargaï den gewaltsamen Tod der Kreatur überleben würde.
Aus diesem Grund hatte er die Verwandlung bislang nie länger als ein paar Minuten aufrechterhalten. Er hatte die Verwandlungsprismen immer nur eingesetzt, wenn sein Leben in Gefahr war – um einen aussichtslosen Kampf in le