: Stefanie Kasper
: Das verlorene Dorf Roman
: Goldmann Verlag
: 9783641161477
: 1
: CHF 11.70
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 384
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Oberbayern 1843: Als sich die junge Waise Rosalie in den Bauern Romar verliebt, scheint sie ihr Glück gefunden zu haben. Doch die Waisenhausvorsteherin warnt Rosalie vor dieser Ehe und macht sonderbare Andeutungen. Rosalie heiratet Romar dennoch und folgt ihm in sein Heimatdorf, das tief im Wald verborgen liegt. Eines Nachts hört Rosalie ein Neugeborenes weinen, das am nächsten Tag als angebliche Totgeburt begraben wird. Dann kommt eine junge Frau, mit der Rosalie sich angefreundet hat, auf mysteriöse Weise zu Tode. Rosalie wird bald bewusst, dass in Romars Dorf nichts ist, wie es scheint – und dass auch sie selbst in tödlicher Gefahr schwebt ...

Stefanie Kasper stammt aus Peiting im Bayerischen Oberland und lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen im Ostallgäu. Gleich mit ihrem ersten Roman, »Die Tochter der Seherin«, gelang ihr ein großer Erfolg, dem viele weitere folgten.

1

Schwarzer Peter

»Was ist das, Rosalie? Ein Mensch?«

Das Mädchen nickte. Es konnte wohl sprechen, tat es aber nur selten. Wenn überhaupt, fast ausschließlich in Schwester Agnes’ Gegenwart.

Die Schwester, eine warmherzige Frau mit ergrautem Haar, fliehendem Kinn und erschreckend hohlen Wangen, zog das Kind auf ihren Schoß. Sie umfasste es mit den Armen. Küsste es auf die verstörend weißen Locken. Rosalie war neun Jahre alt, doch so kümmerlich gewachsen, als wäre sie noch viel jünger. An der oft kargen Kost konnte es kaum liegen – auf den Gängen liefen genug dralle Rotbacken herum, denen das strenge Maßhalten nicht schadete. »Ein toter Mensch? Neben einem weiteren toten Menschen?«

Wieder nickte Rosalie.

Agnes seufzte. Die lauernden Schatten regten sich, wuchsen und gediehen in jenen dunklen Ecken, in denen das Kind sich so gerne herumdrückte. Der bleierne Druck auf ihrer Brust wurde stärker. Sie dachte daran, wie sie das Mädchen damals gefunden hatte. Einen bleichen Säugling, an einem klirrend kalten Wintertag, als der Schnee die Dächer der Augsburger Häuser eindrückte. Man hatte Rosalie ausgesetzt, ohne sich darum zu scheren, ob sie gefunden wurde. Ob sie überlebte.

Einfach nur, weil sie anders war?

Neun Jahre war das her. Neun Jahre, die Schwester Agnes im Rückblick zu den bedeutendsten ihres Lebens zählte. Obwohl sie ihren Dienst im Augsburger Waisen- und Armenkinderhaus seit über drei Jahrzehnten verrichtete, hatte niemals eines der Kinder ihrem Herzen so nahegestanden wie dieses. Sie hatte Rosalie ihren Namen gegeben und durch die schweren Säuglings- und Kleinkindjahre gebracht. Sie liebte das Mädchen. Eine Liebe, die umso schwerer wog, da keiner sonst das tat. Im Gegenteil. Deshalb kam es sie hart an zu sagen, was zu sagen war.

»Du musst damit aufhören.«

»Mit dem Zeichnen?« Zwei blass bemalte Raffhalter in Form einer Magnolienblüte hielten die maronenbraunen Vorhänge des Unterrichtsraums zurück. Ein Bündel Sonnenschein sickerte durch das Fenster, enthüllte flirrenden Staub auf dem Boden und streckte langgliedrige Lichtfinger nach der Schwester und dem Kind aus. Rosalies Augen schimmerten rötlich, sobald das Sonnenlicht sich in ihnen verfing – in Augen, die sonst so klar und hell waren wie das Wasser eines hochgelegenen Gebirgssees. Das Mädchen blinzelte und wandte den Kopf ab. Als sie noch um einiges jünger gewesen war, hatte kaum jemand die siechen oder toten Gestalten auf ihren Zeichnungen erahnt. Inzwischen konnte man den Mann mit der Axt oder die Frau mit dem Messer erkennen und das viele Blut. Auch die Frauenleiche, halb vergraben zwischen Kartoffelschalen, Fleischresten und schimmligen Dickrüben, ein Neugeborenes in den erstarrten Armen. Und die beiden Körper, dicht an dicht, unterhalb einer Brücke.

»Ich verstehe dich, meine Kleine«, sagte Agnes teilnahmsvoll. »