PROLOG
Vicomte Michel Gascault war gewiss kein Spion. Er hätte es empört von sich gewiesen, wenn man ihn so genannt hätte. Natürlich stand es außer Frage, dass der französische Gesandte am englischen Hof bei seiner Rückkehr alles melden würde, was seinen Monarchen interessieren könnte. Ebenso stand es außer Frage, dass Vicomte Gascault viel Erfahrung mit den Königshäusern Europas hatte und sich mit Schlachten auskannte. Er wusste, was König Charles von Frankreich wissen wollte, und deshalb beobachtete Vicomte Gascault alles, was um ihn herum geschah, äußerst sorgfältig, auch wenn das nicht sehr viel war. Spione waren von geringer Herkunft, verkommene Gestalten, die sich in Torbögen herumdrückten und sich Losungsworte zuflüsterten. Vicomte Gascault,de l’autre côté– oder »andererseits«, wie man hierzulande sagte –, war ein französischer Höfling, der so hoch über diesen Dingen stand wie die Sonne über der Erde.
Solcher Art waren die Gedanken, mit denen er sich in seinen Mußestunden beschäftigte. Ganz gewiss würde er König Charles berichten, dass man ihn drei Tage lang ignoriert hatte, während derer er in einem prunkvollen Zimmer im Palast von Westminster Däumchen gedreht hatte. Die Diener, die man ihm schickte, waren nicht einmal sauber gewaschen, hatte er bemerkt, obwohl sie immer sehr prompt kamen. Einer von ihnen roch sogar nach Pferden und Urin, als seien die königlichen Ställe sein eigentlicher Arbeitsplatz.
Nein, das konnte man nicht abstreiten, für Gascaults körperliche Bedürfnisse war gut gesorgt, was man allerdings von seinen offiziellen Anliegen als Botschafter nicht sagen konnte. Jeder Tag begann damit, dass seine Diener ihn in seine schönsten Gewänder kleideten, ihm seine prächtigsten Mäntel anlegten, die sie aus den riesigen Truhen holten, die er, vollgepackt mit Kleidungsstücken, aus Frankreich mitgebracht hatte. Bisher hatte er noch keine Farbkombination wiederholen müssen, und auch wenn er gehört hatte, dass einer der englischen Diener ihn als den »französischen Pfau« bezeichnete, machte ihm das nichts aus. Bunte Kleider hellten seine Stimmung auf,und ansonsten gab es herzlich wenig, womit er sich die Zeit hätte vertreiben können. Er hielt nicht viel von den Speisen, die man ihm hier vorsetzte. Zwar wusste er, dass man einen französischen Koch in Dienst genommen hatte, aber ebenso klar war auch, dass dem Mann der Geschmack seiner Landsleute ziemlich egal war. Gascault schüttelte sich bei dem Gedanken an die faden Speisen, die hier auf den Tisch gekommen waren.
Die Stunden waren vergangen wie bei einer Beerdigung, und er hatte längst jedes Schriftstück gelesen, das man ihm mitgegeben hatte. Beim Schein eines Leuchters hatte er sich schließlich einem graubraunen Buch zugewandt, das ihm gehörte und das durchweg mit seinen Anmerkungen versehen war.De Sacra Coenavon Berengarius war eins seiner Lieblingsbücher. Natürlich hatte die Kirche diese Abhandlung über das Letzte Abendmahl verboten. Alle Auseinandersetzungen, die sich mit den Geheimnissen um den Leib und das Blut befassten, erregte unweigerlich die Aufmerksamkeit der päpstlichen Spürhunde.
Gascault hatte es sich längst zur Gewohnheit gemacht, sich Bücher zu verschaffen, die eigentlich für den Scheiterhaufen bestimmt waren, weil sie ihrerseits seine eigenen Gedanken entzündeten. Er strich mit der Hand über das Papier, mit dem das Buch umhüllt war. Die Buchdeckel vonDe Sacra Coenawaren natürlich abgelöst und verbrannt worden, die Asche sorgfältig beseitigt, da