Der REVT liegen in ihrem Kern zwei Arten von Theorien zugrunde: erstens ihre philosophische Betrachtungsweise und ihre allgemeine Sicht der menschlichen Persönlichkeit und ihrer Störungen, zweitens ihr Konzept der therapeutischen Veränderung. Diese beiden Arten von Theorien greifen in mehrerlei wichtiger Hinsicht ineinander. In diesem Kapitel befassen wir uns vorwiegend mit der philosophischen Betrachtungsweise der REVT, ihren persönlichkeitstheoretischen Aspekten und der Frage, weshalb manche Menschen scheinbar ausgeprägtere Störungen aufweisen als andere.
AE begründete die REVT als logischer Empirist[3]– also als ein Mensch, derüberzeugt ist, dass wir uns als Wissenschaftler der Wahrheit annähern müssen, indem wir Fakten aufspüren und aus diesen dann Schlussfolgerungen ziehen.
Der logische ?Empirismus hat seine Grenzen, wie Popper (1935), Bartley (1984) und Mahoney (1991) später zeigten, und wurde insbesondere von einigen Vertretern des Postmodernismus stark erschüttert (Derrida, 1967; Feyerabend, 1975; Gergen, 1991). Diese weisen darauf hin, dass„Fakten“ und„Wahrheiten“ stets von Menschen identifiziert würden, weshalb ihnen keine„objektive“ oder„wahre“ Realität innewohnen würde. Nachdem er lange Zeit viel von einem Phänomenologen und Existenzialisten hatte, wurde AE schließlich zu einem gemäßigten, nicht radikalen Postmodernisten. Die REVT selbst war ebenfalls stets recht postmodern, da sie vehement gegen absolutistische Konzepte von„müssen“ und„sollen“ eintrat und damit dem Gedanken einer absoluten Wahrheit entgegenstand. Im Folgenden sind die wichtigsten postmodernen Ideen der REVT aufgezählt, wie sie in„Postmodern ethics for active-directive counseling and psychotherapy“ beschrieben wurden (Ellis, 1997).
Entweder-oder-Konzepte von Gut und Schlecht sind oft anzutreffen und werden auch vehement vertreten, jedoch neigen sie dazu, unzutreffend, eingeschränkt und vorurteilsbeladen zu sein. Aufgeschlossenere Sichtweisen des Menschen betonen hingegen eher, dass Dinge und Prozesse auf einerSowohl-als-auch- und einerUnd-ebenso-Basis existieren. Da monolithische Entweder-oder- und Alles-oder-nichts-Lösungen für irgendwelche Probleme ihre Grenzen haben, sollten wir besser auch eine breite Palette alternativer Und-ebenso-Lösungen in Betracht ziehen und diese ausprobieren, um zu sehen, wie gut– und wie schlecht– sie funktionieren.
Die REVT wurde gelegentlich als nicht konstruktivistisch bezeichnet (Guidano, 1991; Mahoney, 1991), tatsächlich ist sie jedoch auf eine ungewöhnliche Art und Weise konstruktivistisch. Sie betont, dass Menschen in flexibler und adaptiver Weise denken und handeln. Sie stellt heraus, dass Menschen das rigide, absolutistischeMüssen, mit dem sie sich oft selbst unter Druck setzen, einerseits in ihrer Kultur lernen, es andererseits aber auch das Produkt ihrer eigenen schöpferischen und biologischen Tendenzen ist. Für Klienten ist es hilfreich, zu erkennen, wie sie zentrale dysfunktionale Philosophien für sich erschaffen und wie sie diese durch Denken, durch Denkenüber das Denken und durch Denkenüber das Denkenüber das Denken verändern können (Dryden, 1995; Ellis, 1994, 1996; Ellis& Dryden, 1975; Ellis, Gordon, Neenan& Palmer, 1998). In Bezug auf Probleme mit dem Selbstwertgefühl steht die REVT im Einklang mit der sozialkonstruktivistischen und existenzialistischen Position von Heidegger (1927), Tillich (1953) und Rogers (1961), dass Menschen sich selbst als wertvoll definieren können, indem sie sich einfach dafür entscheiden, dies zu tun. Sie befasst sich mit unbewussten und verborgenen Prozessen, die Störungen hervorrufen oder auch die Lösung von Problemen begünstigen. Sie vertritt die Position, dass Menschen eine ausgeprägte natürliche Fähigkeit dazu besitzen, sich selbst zu rekonstruieren und zu verändern, aber sie versucht aktiv-direktiv, sie in der Zusammenarbeit mit einem involvierten Therapeuten dabei zu unterstützen. Sie betont den Einsatz der flexiblen, nicht dogma