1. Kapitel
Mein gebeugter Arm hakte sich um den Hals des Mannes, schloss sich immer enger um seine Kehle, während die Gummisohlen seiner Stiefel auf den Boden trommelten. Seine Fingernägel bohrten sich in den schwarzen Stoff meines Hemdes und meiner Handschuhe, rissen verzweifelt daran. Sein Gehirn bekam keinen Sauerstoff mehr, doch das verhinderte das Aufblitzen seiner Gedanken nicht. Ich sah alles. Seine Erinnerungen und Gedanken brannten glühend heiß hinter meinen Augen, doch ich ließ nicht los, nicht einmal, als der Verstand des Wachmanns in Todesangst ein Bild von ihm selbst heraufbeschwor, wie er mit offenen Augen an die Decke des Flurs starrte. Vielleicht tot?
Doch ich würde ihn nicht töten. Der Soldat war fast zwei Köpfe größer als ich, und ein Arm von ihm war so dick wie eins meiner Beine. Ich hatte ihn nur deshalb überrumpeln können, weil er mit dem Rücken zu mir dagestanden hatte.
Ausbilder Johnson nannte diesen Griff die Halsklemme, und er hatte mir noch ein ganzes Sammelsurium andere beigebracht. Den Dosenöffner, das Kruzifix, den Genickhebel, den Doppelnelson, den Drehgriff, den Polizeigriff und den Rückenbrecher, um nur ein paar zu nennen. Alles Methoden, mit denen ich, ein Mädchen mit eins fünfundsechzig, jemanden in Schach halten konnte, der mir körperlich überlegen war.
Inzwischen halluzinierte der Mann halb. In seinen Kopf zu schlüpfen war leicht und schmerzlos; sämtliche Erinnerungen und Gedanken, die an die Oberfläche seines Bewusstseins stiegen, waren schwarz verfärbt. Die Farbe lief durch sie hindurch wie ein Tintenklecks auf nassem Papier. Und erst dann, als ich ihn am Haken hatte, ließ ich seinen Hals los.
Das war wahrscheinlich nicht das gewesen, was er erwartet hatte, als er aus dem verstecken Nebeneingang des Ladens getreten war, um eine zu rauchen.
Der Frost in der Luft von Pennsylvania hatte die Wangen des Mannes unter den hellen Bartstoppeln knallrot gefärbt. Ich blies hinter meiner Skimaske einen einzigen heißen Atemstoß aus und räusperte mich, war mir der zehn Augenpaare, die auf mir ruhten, voll bewusst. Meine Finger zitterten, als sie über die Haut des Mannes glitten; er roch nach abgestandenem Rauch und dem Pfefferminzkaugummi, mit dem er seine eklige Angewohnheit zu verbergen suchte. Ich beugte mich vor und drückte die Finger gegen seinen Hals.
»Aufwachen«, flüsterte ich.
Der Mann öffnete mit Gewalt die Augen, sie waren groß und kindlich. Irgendetwas in meinem Bauch krampfte sich zusammen.
Rasch blickte ich über die Schulter zu dem Einsatzteam hinter mir, das all dies schweigend beobachtete, die Gesichter hinter den Masken unsichtbar.
»Wo ist der Gefangene Nr. 27?«, fragte ich.
Wir befanden uns außerhalb des Überwachungsbereichs der Kameras – das war wohl der Grund, weshalb sich dieser Soldat hier getraut hatte, sich ein paarmal außer der Reihe hinauszuschleichen und Pause zu machen –, doch ich war sehr darauf erpicht, diesen Teil hinter mich zu bringen.
»Mach schon, verdammt noch mal!«, knurrte