Am Anfang hatte sich Eleonore noch selbst dabei ertappt, wenn sie Selbstgespräche führte. Bis dahin hatte sie geglaubt, dass dies nur ganz alte Leute taten, die schon ein wenig wunderlich im Kopf waren. Daher war sie überrascht, dass es auch ihr passierte. Inzwischen fiel es ihr nur noch auf, wenn ihre Kammerzofe sie gleich zwei Mal hintereinander fragte, ob die liebe Frau etwas zu ihr gesagt habe.
»Hagen«, murmelte Eleonore halblaut vor sich hin.
Die Kammerzofe wandte sich zu ihr um.
»Ihr quält Euch, Herrin.«
Eleonore blickte die Frau vor sich still an. In ihrem Kopf war eine Leere, die sie beinahe schmerzte. So etwas kannte sie nicht an sich. Ja, sie hatte seinen Namen genannt, und es fiel ihr schwer, darüber nachzudenken, warum sie es getan hatte. Es war, als wehrten sich ihre Gedanken dagegen, aus Furcht vor der schmerzenden Erkenntnis.
»Der edle Herr Hagen ist fort, liebe Frau.«
»Fort ...«, murmelte Eleonore, und sie nickte kaum merklich.
»Ja, ich weiß.«
Auch früher schon hatte er die Burg verlassen. Viele Male. Sie selbst hatte ihn ja oft genug losgeschickt. Keine Aufgabe und kein noch so geringer Gefallen, den er ihr nicht erfüllt hätte. Aber immer wieder war er zu ihr zurückgekehrt. Wie lange seine Reisen auch dauerten und wer immer ihn dabei begleitete, am Ende kehrte Hagen wieder heim. Zu ihr. So war es doch gewesen, oder? Ja, das sagte sie sich in den Momenten des Zweifels wieder und wieder. So war es, nicht anders. Wie sehr hatten sie ihr heimliches Glück genossen! So sehr, dass die Erinnerung daran jetzt tatsächlich schmerzte. Als ob ihr Kopf die Gedanken nicht aushalten könne. Ja, dieses Mal war es ungewiss, ob er zurückkehren würde. Die Kammerzofe trat zu ihr und nahm sie bei der Hand.
»Setzt Euch hier ans Fenster, und seht das Licht über den Bergen an. Das tut Euch gut, edle Frau, und dann müsst Ihr Euch ausruhen.«
»Nein«, murmelte Eleonore, »ich will mich nicht ausruhen.«
Ja, das hatte sie aus ihren Gedanken verdrängt. Dass er fort war und dass es ihre Schuld war. Ganz allein ihre Schuld ...
***
Erst am späten Abend kam von Schlüsselberg in Bozen an. Der Büttel erwartete ihn zu Pferd bereits am Tor der Stadt und gebot ihm, ihm zu folgen. Hintereinander ritten sie durch die nachtschlafende Stadt. Vor dem Zunfthaus hielten sie schließlich ihre Pferde an. Der Büttel sprang zuerst aus dem Sattel und eilte ins Haus, und von Schlüsselberg tat es ihm nach. Ein Page trat ihnen in den Weg, aber der Büttel scheuchte ihn mit einer Handbewegung zur Seite und eilte, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinauf. In dem großen, prächtigen Versammlungssaal warteten bereits seit einer Weile sämtliche Vertreter der Zünfte wie auch der Händler. Von Schlüsselberg fand gerade genug Zeit, um sich den Staub aus den Kleidern zu klopfen. Er war todmüde, und die Vorstellung, vor dem Rat die Forderungen des Greifen vorzubringen, bereitete ihm Magenschmerzen. Ausgerechnet er, der es nicht mochte, vor Menschen zu sprechen. Aber hatte er eine Wahl? Mit seinem Leben als Leibwache eines reichen Händlers war er bisher ganz zufrieden gewesen. Die Vorstellung, seinen Brotherrn als Geisel zurückgelassen zu haben, behagte ihm ganz und gar nicht. Nicht etwa, weil er Silberhorn besonders schätzte, sondern weil sein eigenes angenehmes Leben vorbei sein würde, sollte dem Mann etwas zustoßen.
Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt und erstaunlich hell von zahlreichen Kerzen erleuchtet. Der Büttel stellte ihn mit lauter Stimme vor, bevor er ihn bat, vor den Rat zu treten und zu sprechen. Also erzählte der Junker, was ihm und seinem Herrn widerfahren war. Als er berichtete, wie man Silberhorn in das Kloster verschleppt hatte, machte sich das erste Mal Unmut unter den Zuhörern breit. Als er schließlich die Forderungen der Räuber vortrug, setzte lautstarker Tumult ein. Einer der Räte sprang von seinem Platz auf und hob beschwichtigend die Arme. Allmählich ließ der Lärm nach. Am Ende war es still. Von Schlüsselberg kannte diesen Mann. Zweimal war er Meister Truchmann bereits begegnet, wenn sie auch niemals miteinander gesprochen hatten. Der leicht korpulente Händler galt als eines der einflussreichsten Ratsmitglieder der Stadt. Als angesehener Tuchhändler war er weit über die Grenzen von Bozen hinaus bekannt. Er galt als fromm und gottesfürchtig. Mit einer deutlich jüngeren Frau verheiratet, die ihm sieben Kinder geboren hatte, lenkte er die Belange der Stadt mit dem gleichen Geschick wie seine Geschäfte. Er war der offizielle Sprecher dieser Runde, und sein Wort hatte auch darüber hinaus ü