Eleonore konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann sie zuletzt an ihren verstorbenen Vater gedacht hatte. An ihre Mutter hatte Eleonore nicht einmal den Hauch einer Erinnerung, denn sie starb bereits bei ihrer Geburt. Und nun war da dieser Traum gewesen. Letzte Nacht. Sie sah sich bei ihrer Hochzeit, die nur wenige Wochen nach dem ersten Treffen mit Wolfram stattfand. Zwei kleine unbedeutende Adelshäuser kamen zusammen, und mit dem Jawort gewannen sie zu ihren alten Namen keine Reichtümer dazu. Aber das war ihr und Wolfram damals nicht wichtig gewesen. Sie erinnerte sich noch genau an ihre Hochzeit. Wie sie gefeiert hatten, im Kreis der Nachbarn und Freunde. Wolfram hatte außer einem Onkel und seiner alten Amme keine näheren Angehörigen mehr gehabt. Dafür sah sie Hagen umso deutlicher vor sich. Hörte sein Kompliment am Morgen nach der Hochzeitsnacht, als nicht Wolfram, sondern er ihr so galant gesagt hatte, wie wunderbar sie aussehe als junge Gräfin und Gemahlin seines Freundes und Herrn. Hagen! Sie lachte bei dem Gedanken an ihn leise. Hatte das Schicksal es so gewollt, dass er damals schon immer in ihrer Nähe gewesen war? Und war es auch nur in Gedanken …
Doch in der vergangenen Nacht hatte sie von ihrem Vater geträumt, und dabei waren die Erinnerungen an ihn alle wieder zurückgekehrt.
Das große Turnier anlässlich des Besuchs des Herzogs auf der berühmten Burg Runkelstein unweit von Bozen. Obwohl die Burgherren dort ursprünglich reiche Kaufleute gewesen waren, die man in den Adelsstand erhob, richteten sie das Stechen aus, als wären sie schon seit Jahrhunderten Herren des Landes. Eingeladen war, wer Rang und Namen hatte, und alle kamen. Eleonore reiste mit ihrem Vater an, wenn auch mit winzigem Gefolge. Zwei alte Waffenknechte, das war alles gewesen. Sie ritt anstelle ihrer Mutter an der Seite ihres Vaters. Geschwister hatte sie keine. Ihr Vater hatte die Kinder der Bediensteten des Hauses zu ihren Spielgefährten bestimmt. Ebenfalls auf den Wunsch ihres Vaters hin lernte Eleonore Lesen und Schreiben, Mathematik und Latein, Griechisch und Französisch, aber auch zu reiten. Sie erfuhr viel darüber, wie man Schweine und Rinder züchtete, Holz in den Wäldern schlug und ein Feld bestellte. Sie lernte zu erkennen, wann ein Dach neu gedeckt werden musste oder wann es sich lohnte, den Burghof zu pflastern. Sie lernte, was man alles beachten musste, wenn man Leibeigene wie Freie zum Waffendienst rief und wer sich für ein Amt in einer Burg eignete. Alles Weitere, was ein junges Mädchen ihres Alters wissen musste, erfuhr sie von ihrer Großmutter und dem alten strengen Seneschall des Hauses. Ihr Vater unterrichtete sie nicht. Dazu sah sie ihn zu selten. Aber sie bewunderte ihn. Eleonore war klug genug, um zu erkennen, wie sehr ihr Vater sein Leben liebte. Charmant, fröhlich und lebenslustig war er, doch in keinem Moment wirklich ein echter Vater. Erst recht kein verantwortungsvoller und gewissenhafter Lehnsherr. Die Nöte und Belange einer Burg interessierten ihn wenig. Jegliches Wirtschaften war ihm ein lästiges Übel, und kaum war Eleonore seiner Meinung nach alt genug, übertrug er ihr Schritt für Schritt die Aufgaben, die zuvor der alte Seneschall des Hauses erledigt hatte.
Doch dann war der Tag gekommen, an dem feststand, dass sie so sehr verschuldet waren, dass das Lehen des Ritters vom Stein, mit all seinem Grund und Boden so nicht mehr weiterzuführen war. Zu diesem Zeitpunkt wusste der lebenslustige Ritter, dass er seinem einzigen Kind nichts als Schulden vermachen würde. Vielleicht war das der Grund, warum er betont heiter und ausgelassen seine Rüstung anlegte und auf sein Pferd stieg, um noch einmal auf Ritterfahrt zu gehen. Im Lager der Ritter senkte er seine Lanze vor dem Zelt des Herzogs Clermont von Berry, einem Mitglied des berühmten Adelshauses. Was für eine Herausforderung! Ein unbedeutender Landjunker aus einem kleinen Bergtal forderte den großen Herzog von Berry heraus! Einen Ritter, der in den zahlreichen Schlachten zwischen Frankreich und England zum Helden geworden war. Niemand gab dem Herrn vom Stein damals auch nur den Hauch einer Chance.
Nach dem Traum in der vergangenen Nacht sah Eleonore nun wieder alles ganz genau vor sich: Ihr Vater, wie er bereits beim ersten Treffer der Lanze des Herzogs aus dem Sattel stürzte und sich beim Aufprall auf dem Boden das Genick brach. Ein Unglück, sagte jeder. Aber sie glaubte nicht daran. Eleonore war davon überzeugt, dass ihr Vater mit seinem Leben abgeschlossen hatte. Er wollte als Ritter von dieser Welt abtreten, gefallen durch die Hand eines anderen Ritters. Das war traurig, aber ehrenvoll. Weniger ehrenvoll war die Tatsache, dass das Lehen daraufhin an das Haus Habsburg fiel. Was Eleonore nach dem Tod ihres Vaters noch zu Geld machen konnte, reichte gerade für