eins
Drei Tage zuvor …
Die Maschine war um neun Uhr am Abend in München gestartet. Fast drei Stunden waren sie nun schon in der Luft, doch die hektische Aufgeregtheit unter ihnen hatte sich noch immer nicht gelegt. Im Gegenteil. Mit jedem Kilometer, den sie sich weiter von Deutschland entfernten, schien ihnen bewusster zu werden, wie aufregend die nächsten acht Tage werden würden.
Fünfzig waren sie nur noch, alle zwischen achtzehn und vierundzwanzig Jahre alt. Die Besten aus über 35.000 Bewerbern fürGermany’s MegaStar. Sie freuten sich offenkundig auf die Tage, die vor ihnen lagen. Die Insel, die Auftritte, die Spannung. Ihre Gespräche waren beherrscht von der Ungewissheit darüber, was sie erwarten würde.
Der ganze hintere Teil des Flugzeugs war für sie reserviert worden, entsprechend ging es dort zu. Laut, fröhlich, manchmal hysterisch. Kaum jemand saß auf seinem Sitz. Einige standen in den Gängen herum, andere knieten auf den Polstern und unterhielten sich mit denen, die hinter ihnen saßen. Überall wurde gequatscht, spekuliert und gekichert. Hier und da wurden Songs angestimmt und mit schallendem Gelächter wieder abgebrochen.
Mittendrin schlich dieser Kerl von der Produktionsgesellschaft durch die Gänge. Daniel. Vicky schätzte ihn auf etwa dreißig. Er stellte Fragen und forderte die Teilnehmer auf, dieses oder jenes zu tun oder zu sagen, während der Kameramann in seinem Schlepptau filmte. Der Produzent der Show und die vier Jurymitglieder saßen vorn in der ersten Klasse.
Vicky lehnte sich im Sitz zurück und schloss die Augen. Sie gab sich ganz dem Gefühl hin, es schon so weit geschafft zu haben. Dabei war es nur wenige Wochen her, dass ihre Freundin Marie ihr in der Schule begeistert erzählt hatte, das Team vonG.M.S. käme für das erste Vorcasting nach Köln. Und dass sie unbedingt mitmachen müssten.
Schon lange vorher war die aufwändige Werbung für diese neue Show auf einem Privatsender auf- und abgelaufen. Auch Vicky hatte sie bereits so oft gesehen, dass sie den Text mitsprechen konnte.
Diese Show sei anders als alles, was man bisher von Castingshows kannte, hieß es in den Trailern. Die Teilnehmer mussten volljährig sein. Um sie realitätsnah auf die Härte und den brutalen Kampf im internationalen Showgeschäft vorzubereiten, sollten sie nicht nur gegeneinander antreten, sondern müssten auch zusätzliche Herausforderungen bestehen, die ihnen ab der sogenanntenPhase drei gestellt wurden. Es sollte hart werden, doch als Lohn winke dem Gewinner die unglaubliche Summe von einer Million Euro und der Start einer Weltkarriere. Im Gegensatz zu den bereits bekannten Castingshows waren schon im Vorfeld Verträge mit Agenturen, Radiostationen und Fernsehsendern weltweit geschlossen worden. Dadurch war sichergestellt, dass der Gewinnersong in fast allen Ländern Europas, in den USA, Kanada und Australien gespielt und promotet wurde.
Vicky hatte zugesagt, weil sie es für eine von Maries verrückten Ideen hielt. Aus denen wurde meist sowieso nichts, weil sie sie schon nach ein paar Tagen wieder vergaß. Als Marie dann eine Woche später erzählte, ihr Vater würde sie die 30 Kilometer von Bonn zu dem Vorcasting bringen, war es für Vicky zu spät, einen Rückzieher zu machen. Also war sie mitgefahren zurPhase eins vonGermany’s MegaStar.
Diese Vorcastings waren von Mitarbeitern der Produktionsfirma durchgeführt worden. Die eigentliche Jury sollte erst inPhase zwei in Erscheinung treten, in München.
Vicky sang gern und bei jeder Gelegenheit