: Karen Joy Fowler
: Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke Roman
: Manhattan
: 9783641123819
: 1
: CHF 2.70
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 416
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
»Hattest du als Kind auch diesen Moment, in dem dir plötzlich klar wurde, dass deine Familie verrückt ist?«

Es war einmal ein Haus mit einem Garten, in dem wohnten ein Apfelbaum, ein Bach und ein kleine Katze mit mondgelben Augen. Hier wachsen drei Kinder auf: Rosemary, ihre ungestüme Schwester Fern und ihr großer Bruder Lowell. Sie könnten eine ganz normale Familie sein. Wäre ihr Vater nicht Wissenschaftler, und wäre Fern nicht ein ganz besonderes kleines Mädchen, das Wachsmalstifte verspeist, den perfekten Rückwärtssalto beherrscht und lacht wie eine Säge.

Jahre nach Ferns Verschwinden erzählt Rosemary nun deren Geschichte. Denn erzählen war das Einzige, was Fern nie konnte.

»Die wundersame Reise ins Herz einer Familie. Am Ende bricht das Buch dem Leser nicht einfach das Herz – es nimmt sein Herz und gibt es nicht mehr zurück.« Dan Chaon

»Mein Lieblingsbuch des Jahres.« Elizabeth George



Karen Joy Fowler ist in Bloomington, Indiana, geboren und aufgewachsen. Seit sie mit dreißig Jahren beschloss, Schriftstellerin zu werden, hat sie zahlreiche Kurzgeschichten und Romane verfasst, darunter den Bestseller"Der Jane Austen Club", verfilmt mit Emily Blunt und Hugh Dancy. Ihr jüngstes Werk,"Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke", wurde 2014 mit dem renommierten PEN/Faulkner Award sowie dem California Book Award ausgezeichnet und stand auf der Shortlist des Man Booker Prize. Karen Joy Fowler lebt mit ihrem Mann in Santa Cruz, Kalifornien. Das Paar hat zwei erwachsene Kinder.

Eins

In der Mitte meiner Geschichte steht der Winter 1996. Mittlerweile sind wir längst zu jener Kleinfamilie zusammengeschmolzen, die der alte Heimkinostreifen bereits andeutete, denn übrig sind nur noch ich, meine Mutter und, unsichtbar hinter der Kamera, mein Vater. 1996 sind es genau zehn Jahre her, seit ich meinen Bruder zuletzt sah, und siebzehn seit dem Verschwinden meiner Schwester. In der Mitte der Geschichte geht es nur um ihre Abwesenheit, aber wenn ich das nicht extra gesagt hätte, wärt ihr von selbst nie darauf gekommen. Denn 1996 konnten ganze Tage vergehen, ohne dass ich an einen von beiden dachte.

1996. Ein Schaltjahr. Jahr der Feuer-Ratte. Präsident Clinton wurde soeben wiedergewählt, aber am Ende standen nur Tränen. Die Taliban hatten Kabul eingenommen. Die Belagerung von Sarajevo endete offiziell am letzten Februartag, einem Neunundzwanzigsten. Im August ließ sich Charles von Diana scheiden.

Hale-Bopp tauchte am Nachthimmel auf. Erste Meldungen über ein saturnähnliches Objekt im Schweif des Kometen gab es im November. Klonschaf Dolly und der Schachcomputer Deep Blue waren Superstars. Es mehrten sich die Anzeichen für Leben auf dem Mars. Das saturnähnliche Objekt im Schweif von Hale-Bopp war womöglich ein Alien-Raumschiff. Im Mai 1997 begingen neununddreißig Mitglieder einer Sekte Selbstmord, um so ihren Erdkörper zu verlassen und auf das Raumschiff überzusiedeln.

Vor diesem Hintergrund sehe ich natürlich unbedeutend aus. Im Jahr 1996 war ich sechsundzwanzig und bummelte gerade durch mein fünftes Studienjahr an der University of California in Davis. Ich wusste nicht einmal, ob ich schon im Hauptstudium war oder noch im Grundstudium festhing, Studieneinheiten und Leistungsnachweise interessierten mich schlicht nicht, und es war auch eher unwahrscheinlich, dass ich in naher Zukunft meinen Abschluss machte. Mein Studium, so drückte es mein Vater aus, sei eher breit als tief angelegt. Er sagte das oft.

Aber ich sah überhaupt keinen Grund für übertriebene Eile. Mein Ehrgeiz war, entweder allgemein Bewunderung zu erregen oder im Hintergrund die Strippen zu ziehen. Was genau mir lieber war, wusste ich nicht. Es kam auch nicht darauf an, denn die von mir gewählten Hauptfächer qualifizierten zwingend weder für das eine noch das andere.

Nur meinen Eltern, die das alles bezahlten sollten, wurde es langsam zu viel. Vor allem meiner Mutter war in jener Zeit vieles zu viel. Dieses Zuviel war neu für sie und daher erregend, geradezu verjüngend in seiner Selbstgerechtigkeit. Erst kurz zuvor hatte sie angekündigt, dass sie es leid sei, den Vermittler zwischen mir und meinem Vater zu spielen, mit dem ich schon ewig nicht mehr redete. Aber soweit ich weiß, war mir das völlig egal. Mein Vater war College-Professor und pedantisch bis auf die Knochen. Jeder noch so kleine Wortwechsel enthielt – gleich dem Kern in der Kirsche – irgendeine Belehrung. Bis heute ist die sokratische Methode bei mir ein Grund, die Krallen auszufahren.

In diesem Jahr kam der Herbst so früh, als hätte jemand plötzlich eine windige Tür aufgerissen. Ich radelte eines Morgens zur Uni, als ein riesiger Schwarm Kanadagänse über mich hinwegzog. Ich konnte die Vögel eigentlich nicht sehen, aber ich hörte ihre wilden Schreie. Aus den Wiesen stieg der Thule-Nebel auf, und ich radelte wie durch Wolken. Thule-Nebel ist kein gewöhnlicher Nebel, es bilden sich keine Schleier. Thule-Nebel kennt auch keine Luftbewegung, sondern steht plötzlich vor einem wie etwas Kompaktes, das man meint anfassen zu können. Selbst mit dem Fahrrad ist man hier leicht zu schnell. Kein vernünftiger Mensch gondelt blind ins Unbekannte, ich damals schon, denn ich hatte