: Sara Gran
: Dope Roman
: Verlagsgruppe Droemer Knaur
: 9783426424773
: 1
: CHF 10.00
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 288
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
New York City, 1950. Josephine (»Joe«) hat es nie leicht gehabt. Ihr Leben war schon verpfuscht, bevor es richtig begann. Eigentlich müsste sie längst tot in irgendeinem Hinterhof liegen, von einer Kugel oder dem Heroin dahingerafft. Doch sie hat noch mal die Kurve gekriegt - und scheint plötzlich das Glück auf ihrer Seite zu haben: Ein wohlhabendes Paar bietet Joe 1000 Dollar; sie soll dessen verschwundene Tochter wiederfinden, die offenbar in die Unterwelt des Big Apple abgedriftet ist. Leicht verdientes Geld, denkt Joe. Aber so leicht ist es nun auch wieder nicht: Freund ist von Feind kaum zu unterscheiden, und nicht jede Falle erkennt man gleich ...

Bevor Sara Gran, geboren 1971 in Brooklyn, hauptberuflich Schriftstellerin wurde, hat sie in einer Vielzahl von Berufen gearbeitet, die aber allesamt mit Büchern zu tun hatten. Heute lebt sie in Los Angeles, Kalifornien. Ihre Romane um die unkonventionelle Ermittlerin Claire DeWitt wurden von der Kritik bejubelt, für 'Die Stadt der Toten' erhielt sie 2013 u.a. den Deutschen Krimi Preis.

2


Nach Maudes Bar traf mich die Sonne draußen wie ein Schlag. Es war ein Uhr nachmittags am 14. Mai 1950 in New York City. Am Broadway winkte ich ein Taxi heran, um mich in die Fulton Street bringen zu lassen, von dort lief ich ein paar Blocks weiter, bis ich die Hausnummer 28 gefunden hatte. Es war ein ziemlich beeindruckendes Gebäude, schmal und hoch, das aussah, als wäre es in die Lücke zwischen den anderen Häusern hineingegossen worden. In die weiße Steinfassade waren Wolken und Gesichter und Sterne eingemeißelt, und ganz oben lief es spitz zusammen wie ein Kirchturm. Ein Portier in einer feschen blauen Uniform mit goldenen Tressen öffnete mir breit grinsend die Tür. Drinnen gab es saubere, rote Läufer auf Marmorböden und einen Strom von Leuten, die kamen oder gingen, beschäftigte Leute in Anzügen mit Aktenkoffern und wichtigen Terminen. In der Mitte der Lobby stand ein breiter Empfangstresen aus Marmor, hinter dem ein gutaussehender Kerl in gleicher Uniform saß und die beschäftigten Leute in die jeweils richtige Richtung dirigierte. Ich wusste bereits, wohin ich wollte.

Ein Fahrstuhlführer, auch er mit blauem Anzug und breitem Lächeln, brachte mich in die vierte Etage hinauf. Auf der vierten Etage gab es vier in Mahagonipaneelen eingelassene Mahagonitüren, jede mit einem glänzenden Türknauf aus Messing und einer Milchglasscheibe, auf der in goldenen, schwarzumrandeten Lettern ein Firmenname stand. An der ersten Tür las ichJackson, Smith und Alexander, Rechtsanwälte. Danach kamBeauclair, Johnson, White und Collins, Anwälte. Die dritte gehörte derKanzlei Piedmont, Taskman, Thompson, Burroughs, Black und Jackson, Kanzlei.

 

An der letzten Tür stand nichts. Diese Tür hatte ich gesucht.

Sie stand offen. Dahinter befand sich ein Wartezimmer, in dem eine hübsche Brünette mit weißem Kostüm und schwarzgeränderter Brille an einem Schreibtisch saß. Auf dem Boden lag ein wunderschöner Perserteppich, an der Wand hingen zwei hässliche Landschaftsansichten in Öl. Drei überdimensionierte Ledersessel standen um einen niedrigen Holztisch herum, auf dem mehrere Ausgaben desForbes-Magazins aufgefächert lagen.

Die junge Frau lächelte mich an. Ich lächelte nicht zurück. Ich hatte keine Lust mehr zu lächeln.

»Ich möchte zu Mr. Nathaniel Nelson«, sagte ich. »Ich habe einen Termin. Josephine Flannigan.«

»Sicher, Miss Flannigan.«

Sie sprang auf und führte mich zu einer Tür hinter dem Schreibtisch. Dahinter lag ein Eckbüro, das ungefähr fünfmal größer war als das Zimmer, das ich bewohnte. Hier erwarteten mich ein noch größerer Schreibtisch, noch mehr Ledersessel und ein Mann und eine Frau. Der Mann saß hinter dem Schreibtisch. Er war etwa Mitte vierzig, hatte silbergraues Haar und große, braune Augen und trug einen dunkelgrauen Anzug, der maßgeschneidert aussah. Er wirkte müde, aber er hatte ein energisches Kinn und ein kantiges Gesicht, das aussah, als dulde es keinen Widerspruch. Als wäre er hier schon so lange der Boss, dass er vergessen hatte, dass er eigentlich der Boss von gar nichts war.

Ich holte tief Luft und atmete den Geruch von Geld ein.

Die Frau saß links vom Schreibtisch. Sie war um die vierzig und sah ziemlich unscheinba