Prolog
Juni 2008
Tim Russert ist tot. Aber der Saal lebt.
Bei einer Trauerfeier darf man sich natürlich nicht allzu sehr ins Zeug legen. So etwas fällt auf. Aber eine hochkarätige Beerdigung in Washington ist einfach ideal, um Kontakte zu pflegen. Hinter den feierlichen Mienen ist der Eifer förmlich zu spüren: Ein wahrer Ansturm von gut 2000 mächtigen Trauergästen strapaziert die roten Teppiche in den Gängen des Kennedy Center.
Vor der Trauerfeier eilen ständig Leute den linken Gang hinunter zu Robert Gibbs, dem Wahlkampf-Pressesprecher, der mit dem richtigen Arbeitgeber das große Los gezogen hat: Barack Obama soll bald als erster Afroamerikaner von einer der beiden großen Parteien zum Präsidentschaftskandidaten gekürt werden. Falls Obama gewählt wird, hat Gibbs gute Aussichten, Pressesprecher des Weißen Hauses zu werden. Seine Eltern sind Bibliothekare und gehören zu den zehn Prozent der Weißen in Alabama, die Obama im November unterstützen werden.1 »Bobby«, wie er zu Hause genannt wurde, las als Kind äußerst ungern und entwickelte sich zu einem mittlerweile immer glühenderen Redner.
Ständig wird er an Flughäfen und auf der Straße um Autogramme gebeten. Er ist eine gute Adresse für Leute, die menschliche Beziehungen unter dem Aspekt sehen: »Wie kann dieser Mensch für mich nützlich sein?« Potenziell ist Gibbs mittlerweile kolossal nützlich. Viele sprechen ihn an und gratulieren ihm zu seinem Erfolg und dem seines Kandidaten, besonders bei Stammestreffen wie diesem, einem grandiosen Abschied für den Moderator der FernsehsendungMeet the Press.
Neben Gibbs präsidiert eine weitere hilfreiche Adresse: David Axelrod, Medienberater der Demokratischen Partei und ein Walross von einem Kerl, der zu allem seinen Senf dazugibt und Obamas Wahlkampf um die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten 2008 inszeniert hat. Axelrod, kurz »Axe« genannt, ist aus sentimentaler Anhänglichkeit an Robert F. Kennedy Demokrat und in seiner Schwärmerei für Obama nicht einmal von Gibbs zu übertreffen. (Gibbs nannte Axe einmal »den Burschen, der mit Rosenblättern vor Obama hergeht«.)2 Ein Politico-Kolumnist, der den großen Ansturm auf Gibbs und Axelrod bemerkt, sagt zu mir, die beiden seien die »It-Guys« der Trauerfeier, und das sind sie – nicht zuletzt wegen ihrer Medienstrategie, die darauf beruht, Washingtons Meinungsführer geflissentlich zu ignorieren.
Auch Joe Scarborough und Mika Brzezinski, die TV-Journalistin und Tochter von Jimmy Carters einstigem Sicherheitsberater, werden umlagert und kommen kaum zu ihren Sitzplätzen durch: Sie werden mit Komplimenten für den Erfolg ihrer SendungMorning Joe bestürmt, der beliebten morgendlichen Talkshow des Fernsehsenders MSNBC, die als eine Hauptschlagader im Kreislauf der Meinungsführer rangiert. Viele drücken den beiden Moderatoren ihre Visitenkarte in die Hand, versessen darauf, dass Joe und Mika sie oder ihre Klienten in ihre Show einladen oder zumindest ihr Buch erwähnen. »Ein neuer Tiefpunkt, selbst für das vulgäre Washington«, wird Mika das Gedränge bei der Trauerfeier später beklagen. Aber es ist wichtig, im Gespräch zu sein, das begreift doch wohl jeder. Man nutzt seine Chance, wenn sie sich bietet.
Bill und Hillary Clinton gehen steif den linken Gang entlang. Köpfe drehen sich und die kollektive Wirkung ist unverkennbar: Im ganzen Saal ist das exotische Hauptstadtprickeln zu spüren, das die Nähe zu Supermächtigen auslöst. Bill und Hill. Alle gehen auf Abstand. Es war ein hartes Rennen. Hillary hat gerade ihre Bewerbung um die Nominierung zur Präsidentschaftskandidatin der Demokratischen Partei zurückgezogen und damit einen endlos langen Vorwahlkampf beendet, in dem Bill sich blamiert und eines Ex-Präsidentenunwürdige und vielleicht sogar rassistisch befrachtete Äußerungen über Obama gemacht hat. Keiner der beiden Clintons steht im Moment auf sonderlich gutem Fuß mit Washington, den Medien, der Demokratischen Partei – vielleicht auch miteinander.
Bills Spitzenberater nach der Präs