: Ilse Kienzle
: Ilse Kienzle, 'Die Frau des Journalisten'
: sagas Edition
: 9783944660080
: 1
: CHF 10.60
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: Biographien, Autobiographien
: German
: 267
: DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Als Tochter aus gutem Hause wächst Ilse Kienzle wohlbehütet auf, ihr Vater ist ein erfolgreicher Ingenieur. Anfang der 1960er Jahre trifft sie den rebellischen Politikstudenten Ulrich Kienzle - wie vom Blitz getroffen verlieben sich die beiden so gegensätzlichen Menschen ineinander. Für beide wird es die Liebe ihres Lebens. Gegen den vehementen Widerstand ihres Vaters, der für seine Tochter bereits einen Kandidaten erwählt hatte, heiraten sie heimlich. Und während Ulrich Kienzle als Kriegsberichterstatter zur Medienlegende wird, beginnt für sie ein Leben an seiner Seite - auf dem tückischen Parkett zwischen internationalem Journalismus und Politik. Sie begleitet ihn in den Orient, wo sie unter dramatischen Umständen den Krieg im Libanon überleben. Und im südlichen Afrike wird ihre Liebe einer schweren Prüfung unterzogen. Eine faszinierende Geschichte einer Frau. Eine Liebesgeschichte. Spannend zu lesen wie ein Abenteuerroman.

Als Josephine Baker im Bett meiner Großmutter lag

»Junger Freund, Sie haben eine unwahrscheinliche Fähigkeit, überflüssig zu wirken.« Mit diesen Worten platzte Ulrich Kienzle in mein Leben – selbstbewusst, borniert, ein faszinierender Macho. Und der Kommilitone, der neben mir stand, drehte sich widerspruchslos um und verließ kleinlaut die Tübinger Uni-Bibliothek. Das war die Eröffnungsszene einer Liebe, die bis heute andauert.

Einundzwanzig Jahre vorher war ich in Stuttgart geboren worden. Ich war eine Frühgeburt. So verschrumpelt und klein, dass ich meiner Mutter erst gezeigt wurde, als sie wieder bei Kräften war, damit sie den Schreck besser verkraften konnte. Meine ersten sechs Wochen auf dieser Welt verbrachte ich im Krankenhaus. Und als mich die Ärzte so weit hochgepäppelt hatten, dass ich nach Hause durfte, wurde eine Kinderfrau angestellt, die ein Jahr bei uns wohnen und mich pflegen sollte. Es war Sommer. 1939.

Meine Mutter stammte aus dem kleinen Dorf Weiler, im Süden Deutschlands, nicht weit entfernt vom Bodensee. In der hügeligen Landschaft des Allgäus war sie aufgewachsen, mit viel Wald und unendlichen Wiesen. Einer ihrer Lieblingsplätze war die Hausbachklamm, oberhalb des Dorfes. Eine wilde, felsige Gebirgsschlucht, wo das Wasser gurgelnd zwischen großen Felsblöcken ins Tal schoss und, unten angekommen, als Hausbach gemächlich an der Straße entlang plätscherte, an der Kirche vorbei, überquert von kleinen Brücken. Nur bei Hochwasser wurde daraus ein reißender Fluss.

Als junge Frau war sie, um eine Lehre als Verkäuferin zu machen, in die Landeshauptstadt gezogen. In Stuttgart verliebte sie sich in einen gut aussehenden, groß gewachsenen, blonden jungen Mann: Ernst Finkelmann. Bei einem Faschingsball hatten sich die beiden kennengelernt, er war Diplomingenieur, in Hannover hatte er studiert und bei Bosch arbeitete er in der Forschungsabteilung für Autoteile. Zwei Welten waren da aufeinandergetroffen. Meine Mutter war im Allgäu streng katholisch aufgewachsen und tief gläubig. Ernst stammte aus Bremerhaven und war als waschechter Norddeutscher: Protestant.

Und das war das Problem. Er machte der Allgäuerin zur Bedingung: »Wenn du mich heiraten willst, müssen unsere Kinder evangelisch werden.« Die Heirat mit einem Protestanten hätte für meine Mutter aber bedeutet, dass sie exkommuniziert werden würde, spätestens, wenn Kinder kämen.

Dann aber schickte die Firma Bosch den jungen Ingenieur für längere Zeit nach Birmingham. England. Sehr weit weg. Und aus war der Traum von der Hochzeit. Erst nach zwei Jahren kam er wieder zurück nach Stuttgart – und Ernst und meine Mutter fielen sich in die Arme. »Die schlimmste Zeit in meinem Leben war nicht der Krieg«, sagte sie später einmal, als ich schon erwachsen war. »Auch nicht die lange Warterei, als Vati in England war. Die schlimmste Zeit waren die Tage vor der Hochzeit. Als ich mich prüfen musste, ob meine Liebe stark genug war. Konnte ich damit leben, aus der Kirche gewiesen zu werden?«

Hochzeit wurde gefeiert, und ein Jahr später kam ich zur Welt. Etwas zu früh, wie gesagt. Und dieses Ungestüme, dieser Drang hinaus ins Leben, ist mir bis heute, mit meinen fünfundsiebzig Jahren, geblieben.

* * *

Meine