: Rudy Rucker
: Weißes Licht Roman
: Heyne Verlag
: 9783641151751
: 1
: CHF 3.60
:
: Science Fiction
: German
Am Ende der Unendlichkeit

Felix Rayman lebt im Staat New York und hat den langweiligsten Beruf der Welt: Er ist Mathematiklehrer in einer Provinzstadt. Seine Familie ist zerrüttet, seine Karriere stritt schon seit Jahren auf der Stelle – Was hat Felix also zu verlieren? Er bringt sich selbst das luzide Träumen bei, um komplexe mathematische Probleme zu lösen, und macht so außerkörperliche Erfahrungen. Bei einer davon trifft er auf den Teufel, dem er mit knapper Not entkommt. Sein Retter ist niemand geringeres als Jesus, der ihn um einen Gefallen bittet: Rayman soll Kathy, einer jungen Frau, die im Wochenbett gestorben ist, nach Cimön bringen. Doch wie gelangt man in ein Land, das unendlich weit entfernt ist? Wie besteigt man dort einen Berg, der unendlich hoch ist? Und gibt es das absolut Unendliche eigentlich?

Rudy Rucker, 1946 in Louisville, Kentucky geboren, studierte Mathematik und lehrte Computerwissenschaften unter anderem an der San José State University, was sich deutlich in seinen Romanen niederschlägt. 1980 erschien sein Debüt „Weißes Licht“, in den folgenden beiden Jahren dann „Software“ und „Wetware“, für die er mit dem Philip K. Dick Award ausgezeichnet wurde. Er gilt als Mitbegründer des Cyberpunk-Genres und verfasste zahlreiche Romane und populäre Sachbücher. Seit 1999 betätigt er sich auch als Maler, seit 2006 gibt er das Science-Fiction-Webzine Flurb heraus. Rudy Rucker lebt mit seiner Frau in San José, Kalifornien.

2 Wie ich dorthin gelangte


 

In einem leblosen Körper wach zu sein war mir keine gänzlich neue Erfahrung. Während der letzten zwei Wochen hatte ich die merkwürdigsten Nickerchen gemacht. Nickerchen, aus denen ich wie gelähmt erwachte und mich dann durch eine Schicht aus Illusionen um die andere hindurchkämpfen musste, bevor ich überhaupt in der Lage war, mich zu erheben. Dieses hatte einen Tag vor dem Friedhofserlebnis einen Höhepunkt erreicht.

Ich kam gerade frisch von der Universität und hatte einen Job als Dozent für Mathematik an einem staatlichen College in Bernco, N. Y., angenommen. Irgendein Narr oder Misanthrop hatte das College mit dem Akronym SUCAS belegt. Ich war der erste Head, der am SUCAS lehrte, und fühlte mich absolut fehl am Platz. Abends zankte ich mit meiner Frau und knallte mir über StereokopfhörerExile on Main Street von den Rolling Stones rein. Tagsüber schlief ich sooft es ging in meinem Büro auf dem Fußboden, Asphaltplatten, weich mit dem Wachs aus den vierziger Jahren.

Selbstverständlich würde es meinen sogenannten Studenten oder Kollegen von eigenen Gnaden nicht sonderlich bekommen, sähen sie mich auf dem Fußboden liegen und pennen, also verriegelte ich meine Tür. Ich schlief unruhig, beseelt von der Furcht, es könne jemand einen Nachschlüssel benutzen und mich hier überraschen mit im Schlummer vollgesabberten Wangen. Häufig genug sprang mein Verstand auf »hellwach« beim vermeintlichen Geräusch einer Faust, eines Schlüssels oder einer Klaue an der Tür, und dann mühte ich mich minutenlang, meinen Körper in die Senkrechte zu bringen.

Der Kollege, mit dem ich das Büro teilte, war Stuart Levin; er hatte bereits zwei Jahre länger als ich am SUCAS gelehrt. Vor ungefähr acht Jahren hatten wir uns als Studenten flüchtig kennengelernt.

Was ich an Stuart damals immer bewundert hatte, waren seine Poster von Mao und D. T. Suzuki. Der große Vorsitzende war an die Schranktür geheftet, Suzuki mit Klebstreifen an der gegenüberliegenden Wand befestigt. Der feiste Vorsitzende winkte eingebungsvoll mit dem Arm, und der dürre alte Japaner war in ein Zen-buddhistisches Mönchsgewand gehüllt und saß entspannt auf einem Felsbrocken. Stuart hatte ihnen Sprechblasen neben das Gesicht gemalt. Der Vorsitzende herrschte ihn an: »Hast du heute schon GESCHRIEBEN, Stuart?!«, und der Mönch starrte wie in weite Ferne und brummelte vor sich hin: »Heute Schwein, morgen Speck.«

Stuart traf ich am ersten Vorlesungstag in unserem Büro. Acht Jahre waren verflossen, und er sah merklich gealtert aus. Dünner, das Haar gestutzt, dazu die obligatorische Standardausgabe von einem Dozentenbart.

»Du wirst dich in Acht nehmen müssen mit dem, was du hier sagst, Rayman«, war das Erste, was er mir erzählte. Ich trat vollends in das Büro und blickte mich erst einmal um, während er weitersprach und dabei die Wörter stoßweise hervorpresste. »Habe diesen Sommer gerade erfahren, dass meine Anstellung nicht verlängert wird.« Mit einer nervösen Halsbewegung lenkte er seinen Blick auf mich … vorwurfsvoll, vermutete ich.

»Willst du damit sagen, dass sie dich bereits gefeuert haben?«, fragte ich Platz nehmend.

Stuart nickte eifrig mit dem Kopf. »Aber sie geben einem ein ganzes Jahr, um einen neuen Job zu finden … ich schicke jetzt 1200 Briefe raus.« Er reichte mir einen vom Stapel auf seinem Schreibtisch. Gleich in der dritten Zeile entdeckte ich einen Druckfehler.

»Was machst du überhaupt hier?«, fragte ich. »An einer Provinzuniversität Mathematik unterrichten … was ist da Besondres dran? Wie steht's mit deinem Zen-Sozialismus?«

Sein Lächeln glich einem Sprung in einer Felswand. Er trug den Kopf eines Mannes, der das Zweifache seiner Statur ausfüllt. »Das war