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Abschied von der Farm
Gestern ging ich zu Poes Begräbnis. Ein Priester, vier Trauergäste und ein Totengräber waren da. Der Totengräber nannte mich einen verdammten Nigger und verscheuchte mich. Otha hätte dabei sein sollen, um das zu sehen.
Eddie wollte einen Bericht über unsere »beispiellose Reise« schreiben, aber jetzt ist er tot, ganz gleich, wie man es betrachtet, und Otha ist bei den Massenseen. Seela und ich bleiben zurück als mittellose, freie Baltimore-Neger. Der Winter 1849 wird bald hereinbrechen. Ich schreibe, so schnell ich kann.
Mein Name ist Mason Algiers Reynolds. Ich bin ein Weißer, ein Gentleman aus Virginia. Meine beispiellose Reise begann vor dreizehn Jahren, als ich die Farm meines Vaters in Hardware, Virginia, verließ. Wir lebten zu fünft auf dieser Farm: Pa, ich, Otha, Luke und Turl.
An diesem letzten Tag daheim erwachte ich im Dunkeln. Ich hatte davon geträumt, lebendig begraben zu werden. Der Traum war eher langweilig als angsterregend. Ich konnte nichts sehen, nur hören und fühlen. Zuerst war da das Geräusch der Leute, die über mir beteten, und dann das Poltern des Sarges, der zur Grube getragen und hinabgesenkt wurde. Man sang ein paar religiöse Lieder, dann schaufelten sie die Erde auf mich herunter, und völlige Dunkelheit umgab mich.
Unmittelbar nach dem Erwachen war alles wie ein Sarg – mein Bett, mein Zimmer, Pa's Farm. Aber dann fühlte ich mich froh, als ich mich daran erinnerte, dass ich fünfzehn war und an diesem Morgen mit dem Wagen in die Stadt fahren sollte.
Ich stand auf, um aus dem Fenster zu pissen. Der Mond stand niedrig, und die übliche Brise vor dem Morgengrauen brachte den Geruch regennasser Felder herüber. Wir hatten es wieder geschafft, einen Winter durchzustehen, wir Reynolds, und morgen war eigentlich schon heute. Pa schickte mich und Otha nach Lynchburg, um drei Fässer Whisky zu verkaufen. Wir brauchten Saatgut, einen neuen Pflug, ein paar Bücher für mich und eine Frau für Otha, wenn wir eine auftreiben konnten. Den ganzen Winter lang hatte ich nichts anderes zu lesen gehabt als die angesammelten Exemplare des von uns abonniertenSouthern Literary Messenger, aus dem, nebenbei bemerkt, die Vorstellung, lebend begraben zu werden, stammte: aus Edgar Poes Erzählung »Der Atemverlust« nämlich.
Unter der Oberfläche beschäftigten sich meine Gedanken immer noch mit diesem Albtraum und mit den Würmern, die Leichen verzehren. Waren diese Leichenwürmer von derselben Sorte wie die purpurnen Kriecher, die Otha und ich beim Fischen verwendeten? Oder waren Leichenwürmer diese dicken weißen Larven mit dem harten Kopf, die beißen konnten? Ich hatte mal imMessenger gelesen, dass ein Engel von einem anderen Stern, der hier eine Zählung aller Wesen durchführen würde, die Erde für einen Planeten der Würmer halten müsste, weil es von ihnen mehr als von jeder anderen Art Lebewesen gibt. Wenn ich mich recht erinnere, kamen Käfer an zweiter Stelle.
In der Scheune grunzte warm und anhaltend unsere Sau, die frisch geferkelt hatte. Ich sprach ein Gebet und legte mich wieder schlafen.
Turl weckte mich dann endgültig, als sie die Stiege heraufschrie, das Frühstück sei fertig. Sie war eine ansehnliche gelbhäutige Frau, die nie müde wurde, uns allen zu versichern, dass sie zu gut sei, um eine Sklavin zu sein. Laut Turl war ihre Großmutter eine Hottentottenprinzessin gewesen und ihr Großvater ein spanischer Freibeuter. Es war auch kein Geheimnis, was sie über uns dachte: Pa war ein Trunkenbold, ich ein Träume