: Gunilla Wewetzer, Christoph Wewetzer
: Ratgeber Zwangsstörungen bei Kindern und Jugendlichen Informationen für Kinder, Jugendliche und Eltern
: Hogrefe Verlag Göttingen
: 9783844425475
: 1
: CHF 11.70
:
: Lebenshilfe, Alltag
: German
: 112
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Wiederkehrende quälende Gedanken, mehrfach wiederholte Handlungen und Gefühle der Angst und Anspannung sind Kennzeichen von Zwangsstörungen. Zwangserkrankungen im Kindes- und Jugendalter sind belastend und beeinträchtigen in erheblichem Ausmaß den normalen Tagesablauf und die Lebensqualität der Betroffenen sowie ihrer Angehörigen. Der Ratgeber richtet sich an Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern. Er informiert sie in verständlicher Form über die vielfältigen Krankheitsmerkmale, über Gründe, die zur Entstehung und Aufrechterhaltung der Störung beitragen, sowie über wirksame Therapieverfahren und Möglichkeiten der Selbsthilfe. Die Kognitive Verhaltenstherapie, gegebenenfalls ergänzt durch eine medikamentöse Behandlung, hat sich als wirksamste Methode zur Bewältigung von Zwängen erwiesen. Die Einzelheiten des Vorgehens in der Therapie werden anhand zahlreicher Fallbeispiele veranschaulicht. Hilfreiche Materialien sowie Hinweise zu Übungen liefern wertvolle Anregungen für Kinder und Jugendliche, wie sie ihre Zwänge Schritt für Schritt bewältigen können. Eltern erhalten außerdem Informationen dazu, wie sie ihre Kinder bei der Bewältigung der Störung unterstützen können. Ziel des Ratgebers ist es, über Zwangsgedanken und Zwangshandlungen aufzuklären und Betroffene zu ermutigen, sich in therapeutische Behandlung zu begeben.

[28]2 Wie entstehen Zwänge und was erhält sie aufrecht?

2.1 Ursachen für die Entstehung von Zwängen

Es gibt nicht die „eine“ Ursache für die Entstehung und die Aufrechterhaltung der Zwangsstörung. Zu der Entwicklung dieser Erkrankung tragen einerseits körperliche Faktoren bei und zum anderen Faktoren aus dem sozialen Umfeld, in dem jemand aufwächst und lebt. Umfangreiche wissenschaftliche Forschungsergebnisse zeigen, dass verschiedene Faktoren Einfluss auf die Entwicklung der Erkrankung nehmen können. InAbbildung 4 sind mögliche Faktoren zusammengefasst, die wir im Folgenden noch genauer erklären.

Biologische/körperliche Faktoren

Biologische Faktoren spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Zwangsstörung. So wird wahrscheinlich bei einem Teil der Kinder und Jugendlichen die Veranlagung, an einer Zwangsstörung zu erkranken, „vererbt”. Dafür spricht, dass die Eltern, aber auch die Geschwister eines an Zwängen erkrankten Kindes häufiger als in der Allgemeinbevölkerung selber unter Zwängen leiden. Auch bei eineiigen Zwillingen, die genetisch ja völlig gleich sind, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass beide Kinder an Zwängen erkranken. Bei zweieiigen Zwillingen, die genetisch nicht völlig gleich sind, ist diese Wahrscheinlichkeit hingegen deutlich geringer. Die Erbanlagen (Gene) beeinflussen die Gehirnstrukturen und damit auch den Gehirnstoffwechsel. Mit Gehirnstoffwechsel werden alle Vorgänge im Gehirn bezeichnet, bei denen Informationen weitergegeben oder ausgetauscht werden. Für den Informationsaustausch zwischen den Nervenzellen im Gehirn sind Botenstoffe (sogenannte Transmitter) verantwortlich. Bei der Zwangsstörung spielt der Botenstoff Serotonin eine große Rolle. Es gibt aber auch Krankheiten, die zu Störungen des Gehirnstoffwechsels führen können und dadurch die Entstehung von Zwängen begünstigen. So gibt es eine Krankheit (bakterielle Infektion) bei der die Ansteckung mit einem bestimmten Bakterium (Streptokokken) in einem bestimmten Bereich des Gehirns (Gehirnstrukturen) dazu führt, dass ganz plötzlich ausgeprägte Zwänge auftreten. Eine solche Krankheit ist aber nur sehr selten die Ursache für die Entstehung einer Zwangsstörung.

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Abbildung 4: Erklärungsmodell zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Zwängen

[30]Persönlichkeitsfaktoren

Mit Persönlichkeitsfaktoren sind die verschiedenen Eigenschaften gemeint, die Menschen voneinander unterscheiden. Solche Eigenschaften werden zum einen vererbt, zum anderen aber auch durch Erfahrungen, wie zum Beispiel durch das elterliche Erziehungsverhalten, beeinflusst. Es gibt nun bestimmte Eigenschaften, die einen Menschen anfälliger für die Entwicklung einer Zwangsstörung machen können. Wenn ein Mensch zum Beispiel besonders gewissenhaft, ängstlich oder vorsichtig ist, und sich schnell Sorgen macht, kann das die Entwicklung der Zwangsstörung begünstigen.

Soziale/familiäre Faktoren

Mit sozialen Faktoren ist das Umfeld gemeint, in dem man lebt – also die Schule oder der Freundeskreis. In diesem Umfeld können auch Belastungen auftreten, die die Entstehung der Zwangsstörung begünstigen können. So zum Beispiel, wenn man sich in der Klasse nicht wohlfühlt, von anderen Kindern gehänselt oder gar gemobbt wird. Vielleicht gibt es aber auch viel Streit und Stress mit Freunden oder man hat nur wenige Freunde und tut