ZWEI
DER BEZIRK NEUKÖLLN war bislang von Flächenbombardements verschont geblieben. Das galt auch für die Weisestraße, die parallel zur Hermannstraße in Ost-West-Richtung verlief. Allerdings hatte es am 29. Januar 1944 die nahe gelegene Genezarethkirche am Herrfurthplatz getroffen, und Ursula Fröhlich rechnete jeden Tag und jede Nacht mit dem Schlimmsten, zumal der Zentralflughafen keinen Kilometer entfernt lag.
Sie nutzte die Mittagspause, um die Lebensmittelmarken zu ordnen, die sie im Laufe des Vormittags von ihren Kunden in Empfang genommen hatte. Sie lebte von ihrem Kolonialwarenladen in der Weisestraße, den sie gemeinsam mit ihrem Mann geführt hatte, bis der im Spätsommer 1942 im Kaukasus gefallen war. Übernommen hatte sie das Geschäft von ihrem Vater, und so stand auf dem phantasievoll gemalten Schild über Schaufenster und Tür noch immerBernhard Bethge – Kolonialwaren. Das bedeutete, dass die Kunden neben Grundnahrungsmitteln wie Mehl, Zucker, Milch, Butter, Margarine, Wurst und Käse auch Waren aus den europäischen Kolonien erwarten durften, also Kaffee, Kakao, Reis, Tee und Gewürze wie Zimt und Nelken. Davon durfte allerdings im Jahre 1944 nur noch geträumt werden. Immerhin brauchte keiner zu verhungern, und sie, die an der Quelle saß, erst recht nicht. Fragte man die Leute, was ihnen auf dem Versorgungssektor am meisten Schwierigkeiten bereitete, hieß es: «Dass wir nicht genug und nichts Richtiges zu essen haben und dauernd nach was anstehen müssen.» Erst dann kamen Kleidung und die anderen Dinge des täglichen Bedarfs. Bei denen, die ausgebombt worden waren, stand die Wohnungsfrage an erster Stelle.
Alles in allem konnte Ursula Fröhlich mir ihrer Rolle als «Milchfrau» ganz zufrieden sein. Eigentlich hätten ihre beiden Brüder hinter dem Ladentisch stehen sollen, aber Thomas und Eberhard hatten sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt.
«Wären sie nur vernünftig gewesen!», seufzte sie, denn beide waren irgendwie auf die schiefe Bahn geraten. Thomas war vor einigen Wochen wegen Wehrkraftzersetzung und Selbstverstümmelung verhaftet worden, und Eberhard hatte sich in Spandau aus der Kaserne entfernt und von seiner Truppe abgesetzt und war seitdem auf der Flucht. Kein Wunder, dass sie jedes Mal erschrak, wenn bei ihr geklingelt wurde, denn alle redeten von Sippenhaft und dass sie damit rechnen müsse, für die Verfehlungen ihrer Brüder zur Verantwortung gezogen zu werden.
Als sie den Korridor durchquerte, um vom Laden in ihre Wohnstube zu gelangen, bemerkte sie den grauweißen Briefumschlag, der gleich hinter der Wohnungstür auf dem roten Sisalteppich lag. Die Briefträgerin hatte sich offenbar nicht die Zeit genommen, zu ihr in den Laden zu kommen, sondern das Schreiben einfach in den Briefschlitz gesteckt. Das tat sie immer, wenn es unangenehme Sendungen waren, Traueranzeigen zum Beispiel. Ursula Fröhlich erschrak. Nein, ein schwarzer Trauerrand war nicht zu sehen, es war etwas Amtliches.Der Reichsminister der Justiz … Sie riss den Umschlag auf, nahm das Schreiben heraus und faltete es auseinander. Es war eine Kostenrechnung. Für zwanzig Hafttage in Plötzensee stellte man ihr 30 Reichsmark in Rechnung, für die Hinrichtung 300 Reichsmark und für das Porto 12 Pfennige.
Als sie begriffen hatte, dass es sich um ihren Bruder Thomas handelte, bekam sie keine Luft mehr, und ihr Blutdruck fiel dramatisch ab. Ihr wurde schwarz vor Augen, dann kippte sie um.
Als sie wieder zu sich kam, kochte sie sich mit den letzten Bohnen, die sie in ihrem Küchenspind finden konnte, eine Tasse Kaffee. Nachdem sie den ersten Schluck getrunken hatte, fiel ihr Blick auf den Herd, und da schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf: Mach Schluss mit allem, dreh den Gashahn auf!
Immer öfter ertappte sich Hermann Kappe bei dem Gedanken, dass der Friseur Thomas Bethge das bessere Los gezogen hatte: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Wer «in den Sack geniest hatte», wie im Volk der Tod unter der Guilloti