: Iris Leister
: Novembertod Kappes fünfter Fall
: Jaron Verlag
: 9783955520045
: Es geschah in Berlin...
: 1
: CHF 7.10
:
: Historische Kriminalromane
: German
: 192
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Kappe und die Wirren der Novemberrevolution Es ist der 9. November 1918: Berlin befindet sich im Aufruhr. Während Kriminalkommissar Hermann Kappe auf die Geburt seines ersten Kindes wartet, wird in den Straßen der Reichshauptstadt eine neue Zeit geboren. Ausgerechnet jetzt wird auf offener Straße Freiherr Heinrich von Brettin erschossen. Bei seinen Ermittlungen in den Wirren der Novemberrevolution begegnet Kappe die gesamte Bandbreite der Berliner Gesellschaft: von einer flugbegeisterten Freiherrin über exzentrische Filmdiven bis zu revolutionären Sozialdemokraten und rechtsradikalen Kriminellen.

Iris Leister, geboren in Berlin, ist freie Autorin und Dozentin für Drehbuchschreiben. Sie war jahrelang Stammautorin eines interaktiven Hörspielkrimis und schrieb Drehbücher für TV-Serien und Kinofilme. Darüber hinaus veröffentlichte sie diverse Kurzgeschichten in Zeitschriften und Anthologien. Im Jaron Verlag erschien ihr Krimi 'Novembertod' (2008) in der Reihe 'Es geschah in Berlin'.

Samstag, 9. November 1918


AM 9. NOVEMBER 1918 - sieben Tage, bevor Heinrich von Brettin erschossen werden würde - standen Hermann und Klara Kappe vor den stumpfen Schaufenstern des Kaufhauses Wertheim am Moritzplatz und spielten das Spiel.

«Was meinst du - dahinten, das Seidenkleid in Altrosa?» Kappe sah Klara an. Hochschwanger, den Rücken durchgedrückt, stand sie neben ihm. Über ihrer Kluft aus seinen langen Unterhosen und ausgemusterten Militärunterhemden spannte sich das alte Reformkleid, das sie von ihrer Freundin Margarete geschenkt bekommen hatte. Darüber trug sie die beiden größten Pullover Kappes. Die Strickmaschen dehnten sich fast bis zum Zerreißen. Klaras Mantel klaffte offen. Sie war blass und hatte Augenringe, die aussahen wie gestempelt. Kappe wandte sich wieder den Auslagen zu. Sie waren leer.

«Das Kleid bekommst du zu Weihnachten. Und dann gehen wir zusammen ins Café Bauer.»

«Weihnachten ist das Kind da.» Sie sagte das mehr zu sich selbst. «Jetzt bist du dran.»

Vor Wertheim zu stehen und die gähnende Leere hinter den Schaufenstern mit ihren Träumen zu füllen war Klaras Spiel. Kappe spielte es mit, denn es lenkte sie beide für eine halbe Stunde von ihrer Rastlosigkeit ab. Außerdem war es gut, um für kurze Zeit den Hunger und die Trostlosigkeit, die mit dem Krieg gekommen waren, zu vergessen.

Kappe überlegte. Endlich fiel ihm etwas ein: «Der Präsentkorb hier vorne. Der mit der Gänseleberpastete. Den kaufen wir gleich, wenn sie aufmachen.» Klaras Magen knurrte. Seit Tagen hatten beide nichts als Wassersuppe gegessen. Kappe bereute seine Idee sofort.

«Ach Hermann, ein Walfisch wie ich braucht doch nichts zu essen.» Sie nahm seine Hand. Er war froh, dass sie lächelte.

«Ich könnte auch ein bisschen weniger vertragen.» Kappe legte Klara den Arm um die Schulter. «Komm. Die Öfen sind sicher bald durchgeheizt.»

Es war sieben Uhr morgens. Noch waren die Kreuzberger Straßen leer; es war die einzige Zeit, zu der Klara sich nach draußen traute. Seit zwei ihrer Freundinnen und ein Mann aus dem Nachbarhaus an der Spanischen Grippe gestorben waren, mied sie jede Menschenansammlung. Sie konnte seit Monaten nicht mehr richtig schlafen und wäre ab halb fünf Uhr morgens rastlos durch die kalte Wohnung getigert, wenn Kappe nicht die Idee mit den Morgenausflügen in die noch schlafende Stadt gehabt hätte. Tagsüber quoll Berlin über vor Menschen. Täglich trafen neue Kriegsheimkehrer ein. Es wurde immer enger.

Kappe und Klara gingen vom Moritzplatz in die Neanderstraße. Klara trug ihren Bauch vor sich her wie ein Fass. Ihr Körper war so angeschwollen, dass sie sich nicht mehr alleine ihre Schuhe anziehen konnte. Ihren Ehering hatte sie schon lange abgelegt, weil ihre Finger zu dick wurden.

Kappe dachte an den heutigen Morgen. Er war wie immer zähneknirschend mit Klara aufgestanden. Die Wohnung war völlig ausgekühlt, weil es schon lange nicht mehr genug Brennmaterial gab. Nachdem er sich mehrere Schichten aus langen Unterhosen, Hosen und Pullovern angezogen hatte, hatte er die Küchenmaschine mit den letzten Holz