: Sybil Volks
: Café Größenwahn Kappes zweiter Fall
: Jaron Verlag
: 9783955520014
: Es geschah in Berlin...
: 1
: CHF 7.10
:
: Historische Kriminalromane
: German
: 192
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der zweite Kappe-Roman, nominiert für den 'Debüt-Glauser' Das Café Größenwahn ist im Berlin des Jahres 1912 der Treffpunkt der Boheme. In der überhitzten Atmosphäre des Cafés sucht der junge Eugen Hofmann Anschluss an die Künstlerkreise. Besessen verfolgt er sein Ziel, ein berühmter Dramatiker zu werden. Geldnot und sein eigener Größenwahn führen Eugen auf die kriminelle Bahn - von Hochstapelei über einen Raub bis zum fast perfekten Mord im Hotel Adlon. Dieser Mord liefert ihm den Stoff zu seinem einzigen erfolgreichen Theaterstück. Bei der Premiere sitzt auch Kriminalwachtmeister Hermann Kappe im Publikum ...

Sybil Volks, geboren 1965 in Rheine, lebt als freie Autorin und Lektorin in Berlin. Sie hat mehrere Romane und zahlreiche Erzählungen und Gedichte veröffentlicht. Sybil Volks' erster Roman, ein Berlin-Krimi, war nominiert fu?r den Sir-Walter-Scott-Preis und den Glauser-Preis als bestes Krimidebu?t. Veröffentlichungen: Café Größenwahn (2007), Torstraße 1 (2012), Wintergäste (2015).

IM STROM


«BERLIN!»

Im ersten Moment steht Eugen Hofmann da wie geblendet. Er hält die Hand über die Augen und blickt durch die geöffnete Zugtür in die Bahnhofshalle. Dann tastet er über den Mantel: Eingenäht ins Futter knistern die blauen Hunderter, und obenauf, mehrmals gefaltet, liegt die erste Seite von seinem Theaterstück. Gestern ist er 21 geworden, volljährig. Jahrelang hat er auf den Tag gewartet, an dem man ihm sein Erbe auszahlt, und heute Morgen gleich den ersten Zug nach Berlin genommen. Durch das Bündel Papier und den Stoff des Wintermantels hindurch fühlt er sein Herz schlagen. Er kennt niemanden unter den hastenden Menschen auf dem Bahnsteig, niemanden in der Hauptstadt. Doch er weiß, dass irgendwo in der Menge jemand auf ihn wartet. Jemand oder etwas. Er atmet einen tiefen Zug der neuen Luft ein. Etwas Großes liegt vor ihm in dieser Stadt!

Da fühlt er einen Stoß im Rücken, andere Reisende drängen an ihm vorbei auf den Bahnsteig. Er stolpert die Stufen des Waggons hinab, der Hut fällt ihm vom Kopf und kullert in den Staub. Noch bevor er selbst ihn erreichen kann, hat ein fremder Herr den Hut aufgehoben, wischt mit dem Taschentuch darüber und überreicht ihn mit angedeuteter Verbeugung. In der Hand des Fremden kommt Eugen sein schlesischer Hut noch schäbiger vor. «Danke», sagt er, greift danach und will sich zum Gehen wenden. Doch der Fremde hält den Hut einen Augenblick fest, sodass Eugen ihm ins Gesicht sehen muss.

«Entschuldigen Sie», sagt der Unbekannte mit leiser Stimme, «können Sie mir sagen, wo ich in der Nähe ein solides Logis finde?»

Er trägt einen einfachen Anzug, genau wie Eugen, und einen gelbledernen Koffer, der womöglich noch provinzieller ist als sein eigener. Die leichte Färbung seines Dialekts ist nicht das freche Berlinerisch, das Eugen hier von allen Seiten um die Ohren saust.

Schaffner in Uniform fordern die Passagiere auf, von der Bahnsteigkante zurückzutreten, Obst- und Zeitungsverkäufer preisen ihre Waren an, Reisende werden von Verwandten und Bekannten mit großem Hallo in Empfang genommen. Nur das Stampfen der Maschinen, wenn eine Dampflok anfährt, übertönt hin und wieder das Stimmengewirr. Tauben schwirren durch die Bahnhofshalle.

Eugen umklammert den Griff seines Koffers. «Ich bin fremd hier», sagt er zu dem Fremden.

Der Bahnsteig beginnt sich zu leeren, als eine korpulente Frau auf die beiden zukommt. Dicht vor den Neuankömmlingen bleibt sie stehen und hält ihnen ein Pappschild unter die Nase. «Die Herren suchen een schönet Loschie? Da hab ick was für Sie, solide Jejend, jünstje Preise.»

Der neue Bekannte senkt den Kopf, um das Angebot näher in Augenschein zu nehmen. Eugen zieht ihn am Ärmel zurück.

«Besten Dank», sagt er mit fester Stimme zur Zimmerwirtin, «wir sind versorgt.»

Auf dem Bahnhofsvorplatz wird Eugen zum ersten Mal klar, dass er keinen Schimmer hat, wo in Berlin er sich befindet und vor allem: wohin er will. Merkwürdig, dass er daran so gar nicht gedacht hat. Wenn ich erst 21 bin, frei. .. Weiter hat er nicht denken können. Doch er ist ganz sicher gewesen, all die Jahre, dass ihm zur gegebenen Zeit das Richtige einfallen würde. Und so war es dann auch