: Karl May
: Verschwörung in Wien Karl May´s Gesammelte Werke Band 90
: Karl-May-Verlag
: 9783780215901
: 1
: CHF 8.80
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: Hauptwerk vor 1945
: German
: 560
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Mit diesem Band wird nicht nur die längere Zeit offen gewesene Lücke in der Reihe geschlossen, sondern auch noch einmal eine echte Sensation geboten – in Gestalt des letzten bisher noch gänzlich unveröffentlichten Prosatextes aus Karl Mays Nachlass: „Der verlorene Sohn“! Nicht zu verwechseln mit Mays gleichnamigem späteren Kolportageroman, handelt es sich hierbei um den spannenden Auftakt einer seiner typischen Erzgebirgischen Dorfgeschichten, die leider Fragment blieb. Zuerst allerdings führt die Titelgeschichte in die österreichische Hauptstadt, wo der aus früheren Bänden bekannte ‚Wurzelsepp‘ wieder einmal auf der Spur krimineller Umtriebe unterwegs ist. Ins manchmal liebenswert heitere, manchmal hinter der Fassade aber auch unheimlich finstere Leben in Dorf und Kleinstadt des sächsischen Erzgebirges geht es in den weiteren Erzählungen: „Aus dem Kelch des Schicksals“, „Der Doppelgänger“, „Die Laubtaler“, „Im Wasserständer“ und „Das Dukatennest“. Gewohnt souverän und sachkundig kommentiert Christoph F. Lorenz die Entstehungsumstände und literarischen Hintergründe der Texte.

VERSCHWÖRUNG IN WIEN


Die in Wien so wohlbekannte Equipage des Grafen Senftenberg rollte, von zwei prachtvollen Goldfüchsen gezogen,über den Kolowrat-Ring am Stadtpark vorüber, durch den Stubenringüber die Aspernbrücke, bog dann links in die untere Donaustraße und lenkte rechts in die große Mohrengasse ein, wo sie vor einem sehr ansehnlichen Haus hielt, dem anzusehen war, dass es nur von feinen, wohlsituierten Leuten bewohnt wurde.

In dem Wagen saßen drei junge Herren, die sich während der Fahrt in einer mehr als lebhaften Unterhaltung befunden hatten. Obgleich es noch nicht die Zeit des Diners war, schienen sie sich doch bereits in eine sehr animierte Stimmung getrunken zu haben. Sie lachtenüberlaut und machten sich ganz und gar nichts aus dem Lächeln, mit welchem die Passanten ihnen nachblickten.

Nur einer von ihnen, der Graf selbst, verriet die glückliche Gabe, trotz des kleinen Rausches, den er besaß, die Würde seines Standes leidlich zu bewahren. Die beiden anderen aber waren so ausgelassen, dass er sieöfters durch ein wohlgemeintes„Na, na, pst, pst“ in engere Schranken verweisen musste.

Sie kamen aus einem jener Frühstückslokale, in denen die gutsituierte Jugend ihre Guldennoten anlegt, um dafür im Alter ein mehr oder weniger ausgiebiges Podagra einzuheimsen. Dort hatten sie einige Dutzend Austern verzehrt, mehrere Flaschen Sekt dazu ausgestochen, dann ein kleines Spielchen gemacht, zu welchem natürlich nur ein schwerer aber‚süffiger‘ Burgunder getrunken werden konnte, und dann hatte es sich herausgestellt, dass Champagner und Burgunder eigentlich nicht gut harmonieren. Die beiden so verschiedenen Gaben des Bacchus waren in den Köpfen der Zecher miteinander in Konflikt geraten, und darüber war den Letzteren der sowohl jungen als auch alten Leuten so wohlanstehende Ernst verloren gegangen.

Jetzt hielt die Equipage vor einem Haus in der Mohrengasse. Der Diener sprang vom hinteren Tritt herab undöffnete den Wagenschlag. Er ließ dabei jenes ergeben-pfiffige Gesicht sehen, welches vertraute Domestiken zu zeigen pflegen, wenn sie die Ehre haben, Zeugen einer kleinen, liebenswürdigen Schwachheit ihrer Herren zu sein.

„Hier scheiden wir also, meine Herren“, sagte der Graf.„Steigen Sie mit aus, Baron, oder fahre ich Sie auch nach Ihrer Wohnung?“

Derjenige der beiden anderen, an welchen die Frage gerichtet war, trug einen sehr eleganten, ja‚feschen‘ Wiener Anzug nach dem allerneuesten Schnitt und Muster. Die Linke war behandschuht, die Rechte nicht. An den Fingern dieser Letzteren glänzten mehrere Ringe, deren Steine nur ein ganz besonderer Kenner für wertlose Nachbildungen hätte erklären können. Er war, das sah man auf den ersten Blick, ein ausgesprochener Dandy und hatte die nachlässige, gelangweilte Haltung jener Flaneure, welche sich in ihren müßigen Stunden– und jede Stunde ist bei ihnen müßig– auf den eleganteren Straßen herumtreiben und dem Leben keinen besonderen Reiz mehr abgewinnen können, weil sie die liebenswürdigen Seiten desselben bereits imÜbermaß kennengelernt und genossen haben.

Sein Gesicht war glattrasiert und stark gepudert, vielleicht um gewisse Spuren, welche eine ausverkaufte J