Kapitel 1
Rom, Via Merulana 259; Sonntag, der 4. Juli 1965, 15 Uhr, drückende Hitze.
Der Fahrer hielt am Straßenrand, stieg aus, eilte um die Kühlerhaube und riss für Schödel die rechte hintere Tür des Mercedes auf. Dabei zog er die Mütze und bot dem Monsignore die Hand, um ihm notfalls beim Aussteigen behilflich zu sein. Wie Jan diese Aufgabe bewältigte, blieb ihm selbst überlassen, doch bis sich Schödel aus der Limousine gewuchtet hatte – aus eigener Kraft, so viel musste man ihm zugestehen –, kam auch schon die Signora aus dem Haus geeilt. Sie knickste und küsste dem Monsignore die Hand. „Gelobt sei Jesus Christus.“
„In Ewigkeit Amen, meine Tochter.“ Schödel schlug mit großer Würde das Kreuz über dem schneeweißen Scheitel der kleinen, verhutzelten Gestalt. Dem Aussehen nach hätte sie leicht seine Urgroßmutter sein können, und eigentlich hätte er sich vor ihr verneigen müssen. Doch dies war Italien, Rom, und hier inszenierte sich der Monsignore anders als in Las Vegas, wo er in einer Bar geplaudert und gelacht hatte. Schödel trug heute Soutane und benahm sich, als sei diese Wohnungsbesichtigung ein Staatsbesuch. „Signora Ruscello, dies ist Signor Stolnik. Jan – Graziella Ruscello.“
„Angenehm. Folgen Sie mir bitte, Signori.“ Die Signora winkte sie mit der Geste einer Königin ins Haus, und vielleicht war sie das auch. Eine Art Schleier lag über ihr, diese Augentäuschung war aber so dicht gewebt, dass Jan sie nicht durchdringen konnte, ohne seine eigenen Schutzschilde in eine Waffe zu verwandeln, einen Stoßkeil. Doch wozu? Er war ziemlich sicher, dass Graziella Ruscellos Abwehr nicht ihm galt. Wahrscheinlich schirmte sie sich nur gegen die allgegenwärtige Macht der Kirche in der Heiligen Stadt ab, was Schödel im Übrigen nicht bemerkte. Der Monsignore war als Magier nur ein kleines Licht, gerade talentiert genug, den Drachen in Jan zu erkennen, stolz darauf, dass er für seinen Orden mit ihm verhandeln durfte, und gerade ganz darauf konzentriert, ihm die Wohnung im Haus der Signora schmackhaft zu machen.
„Sie werden sehen, es wird Ihnen gefallen, wenn Sie wieder Ihr eigener Herr sind.“ Der Monsignore gab sich alle Mühe, Jan den Eindruck zu vermitteln, dass die Idee eines Umzugs von ihm stammte, aber in Wahrheit befolgte Schödel einen direkten Befehl seines Großmeisters Deodatus Neville. Der hatte wahrscheinlich Dankbarkeit, wenn nicht gar Unterwerfung von Jan erwartet, doch der sah nicht ein, warum er das dreifache Gelübde des Gehorsams, der Armut und der Keuschheit ablegen und als Laienbruder in den dritten Orden der Dominikaner eintreten sollte. Damit sein Vermögen doch noch der Kirche in den Schoß fiel? Das konnten Neville und die Vatikanbank vergessen.
Natürlich hatte er damit gerechnet, dass Schödels Vorgesetzter die mündlichen Vereinbarungen, die er in Las Vegas mit ihm getroffen hatte, nicht bis ins Detail einhielt. Schließlich ging es hier um eine Geheimorganisation innerhalb des Ordens der Dominikanerund der Inquisition, auch wenn die sich heute anders nannte. Kardinal Ottaviani, der Präfekt der Glaubenskongregation, der von Nevilles Vorstoß wahrscheinlich nur in sehr groben Zügen wusste, bezeichnete sich als einen demütigen Wächter der Reinheit des Glaubens, und Häretiker wurden heute auch nur noch exkommuniziert, nicht mehr verbrannt. Aber die Mühlen der Kirche mahlten genauso langsam wie seit ehedem, und Jan hing es zum Hals heraus, ständig vertröstet zu werden. Er wusste zum Unglück aller Beteiligten genau, welche unumstößlichen Beweise der Orden vom Sonnenkreuz zusammengetragen hatte, dass er wirklich der Jan Stolnik war, dessen Vermögen die Vatikanbank 1897 in Rom einbehalten hatte. Wenn ihn die Kirche (oder Neville) als Mitstreiter im Kampf gegen das Böse haben wollte, musste sie ihm auch zurückgeben, was ihm von Rechts wegen gehörte. Auf jeden Fall hatte er sich jetzt einen Anwalt genommen, und dass ihn der Großmeister quasi zur Vergeltung aus dem Gästehaus des Ordens vom Sonnenkreuz ausquartierte, passte ihm i