1. Kapitel
Bis zu diesem Mittwochmorgen hatte Clemens Ortmair geglaubt, ihn werde es nicht treffen. Ihn nicht und auch nicht seine Frau. Solche wie er machten es immer allen recht und hatten weder finstere Geheimnisse noch irgendwelche verbotenen Räume, in die niemand hineinsehen durfte.
In seiner Familie war zu allen Zeitenüber alles gesprochen worden. Auch wenn manche Dinge vielleicht besser nicht an dieÖffentlichkeit gekommen wären, beispielsweise das unglaubliche Verhalten seines Großvaters, der auf dem Sterbebett weder mit seiner vierzig Jahre jüngeren zweiten Ehefrau noch dem eiligst herbeigerufenen Pfarrer sprechen wollte, sondern stattdessen seinem Enkel Clemens angeschafft hatte, den prächtigsten Hahn aus dem Hühnerstall zu holen.
»Und dass du mir fei bloß koa Henna ned bringst«, hatte er ihm noch hinterhergerufen, doch Clemens kannte den Lieblingshahn seines Opas genau und wusste zudem, wie sich ein Hahn von einem Huhn unterschied. Wenig später hatte der Vierundneunzigjährige das Federkleid seines besten Freundes gestreichelt und gemurmelt:»Mach’s guat, Oida, und lass nix obrenna.«
Bevor sich der Alte in die Ewigkeit verabschiedete, gab er noch einen zufriedenen, ja fast glücklichen Seufzer von sich, drückte die Hand seines Lieblingsenkels und ergötzte sich daran, wie der Gockel mit seinen staubigen Krallenüber das weiße Bettzeug stolzierte und selbstbewusst die Schwanzfedern spreizte.
Derweil hatte Clemens’ Stiefoma, die jünger war als sein Vater, vor der Tür auf den letzten Atemzug ihres Mannes gelauert und ihr Schicksal als Ganzes, besonders aber ihr vertanes Leben an der Seite dieses Deppen beklagt. Die Onkel und Tanten und auch Clemens’ Eltern im Nebenraum schwiegen und starrten auf ihre gefalteten Hände. Wie im Wartezimmer des Todes, dachte Clemens später, wobei allein der Großvater eine Audienz beim Sensenmann erhalten hatte.
Tatsächlich hatte der Tod nicht mehr lange auf sich warten lassen, ebenso wenig wie das Donnerwetter, das wenig späterüber den damals elfjährigen Clemens hereingebrochen war.»Du machst auch an jeden Blödsinn mit, den der Alte dir anschafft, du Depp, du damischer. Bring sofort den Gockel in den Stall z’ruck«, wurde er von seiner Stiefoma und den Eltern gerügt, während die restliche Verwandtschaft flüsternd und raschelnd in das Sterbezimmer einbrach und nach der Hand des Verstorbenen griff. Als müsse sie sich vergewissern, dass der Alte auch tatsächlich von ihnen gegangen sei.
Hoch und heilig hatte Clemens allen schwören müssen, niemandem diese wirklich peinliche Geschichte mit dem Hahn zu erzählen, aber am nächsten Tag wusste es dennoch fast jeder in Grafenau. Gerade wenn man etwas verbergen wollte, kam das garantiert als Erstes ans Licht.
Als der mittlerweile dreiunddreißigjährige Clemens Ortmair an jenem Vormittag diesen rätselhaften Gegenstand vor seiner Tür fand, ahnte er, dass auch er künftig zu jener Liga gehören würde, die etwas zu verbergen hatte. An diesem Novembermorgen begann er, alles infrage zu stellen. Selbst die Neuigkeiten des Grafenauer Anzeigers, der hochkant im Briefkasten steckte, hatten ihre fraglose Verbindlichkeit verloren.
Denn was sollte dieser gläserne hellgrüne Minisarg auf seiner Türschwelle bedeuten? Und warum gerade bei ihm? Einen ersten spontanen Impuls, das Ding mit einem Fußtritt wegzukicken, konnte er gerade noch unterdrücken. Das hätte Scherben gegeben und ein Geräusch, bei dem selbst jene Nachbarn, die bisher noch nichts von dieser fatalen Morgengabe wussten, aufhorchen würden.
»Du wirst des Zeichen a no kriagn«, hatte ihm jemand vor noch gar nicht so langer Zeit zugeraunt. Es war so schnell gegangen, dass er den weissagenden Flüsterer im Dunkeln nicht erkannt hatte. Auf seinem Heimweg hatte er kopfschüttelndüber diese alberne Drohung gelächelt. Was für ein Zeichen denn? Er doch nicht! Jetzt aber, da Clemens Ortmair das Ding da vor sich sah, ahnte er, was gemeint gewesen sein könnte.
Grauer Nebel hing an diesem kalten Morgenüber Grafenau. Seit Tagen war die Sonne nicht mehr richtig herausgekommen, und dennoch ging von diesem etwa sechzig Zentimeter langen Objekt ein derart kaltes Leuchten aus, dass es ihn mitten ins Herz traf. Als wäre es ein für ihn bereitgestellter Sarg.
Mit zitternden Händen faltete er die Zeitung auseinander und wickelte den Glaskasten darin ein.
»Wo bleibst du denn?«, rief seine Frau aus der Küche.
»Bin schon da!«, rief er und versuchte, besonders fröhlich zu klingen, während er dem Kaffeeduft folgte.
Doch Ute ließ sich nicht täuschen.»Ist was?«
»Nein, nein.« Clemens schüttelte besonders heftig den Kopf.»Was soll schon sein?«
»Wo ist die Zeitung?«
»Richtig, die ist noch draußen. Hab ich vergessen, w